Jedes Wort
ein
Geschenk
Wilhelm Stenzel wird 99 Jahre alt –ein Leben lang hat er Freude,
Trauer und Liebe in Gedichten
und Bildern festgehalten

Wilhelm Stenzel hat im Schreiben und Zeichnen selbst Halt gefunden und anderen Halt gegeben.foto: privat
Barsinghausen. Wenn Wilhelm Stenzel am 13. August seinen 99. Geburtstag feiert, blickt er auf beinahe ein Jahrhundert voller Geschichten zurück. Der gebürtige Ronnenberger hat die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs als eingezogener Jugendlicher erlebt, jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet, seine große Liebe verloren – und dennoch nie aufgehört, in Worten und Bildern nach Schönheit zu suchen.

Viele Menschen in der Region kennen ihn als Mitbegründer des Calenberger Autorenkreises. Bei zahlreichen Lesungen haben Literaturfreunde ihn mit seiner markanten Stimme, seinem feinen Humor und Gedichten erlebt, die oft leise beginnen und lange nachklingen.

Heute lebt Wilhelm Stenzel im Barsinghäuser Kursana. Seine Mobilität ist eingeschränkt, an den regelmäßigen Treffen des Autorenkreises kann er deshalb nur noch selten teilnehmen. Die Literatur aber ist geblieben. Noch immer schreibt er Gedichte, darunter auch Liebesreime, die zeigen, dass Gefühle kein Alter kennen.

Wer Wilhelm Stenzel kennt, weiß, dass Literatur für ihn nie bloß ein Hobby war. Bücher, Papier und Bleistift wurden über Jahrzehnte zu Begleitern, Trostspendern und Ausdrucksmitteln. In seinen Texten finden Trauer und Einsamkeit ebenso ihren Platz wie die Freude über seine Familie und die Menschen, die ihm nahestehen.

Hinter den Gedichten liegt ein langes Leben voller Brüche und Neuanfänge. Als 17-Jähriger wurde Wilhelm Stenzel in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs noch eingezogen. Zum Fronteinsatz kam es nicht mehr. Er hatte bereits eine Fleischerlehre begonnen, die er nach dem Krieg abschloss, und arbeitete anschließend unter anderem in der Ronnenberger Zuckerrübenfabrik – für 59 Pfennig in der Stunde –, später auch bei Hanomag und Siemens.

Jahrzehntelang bestimmte körperlich schwere Arbeit seinen Alltag, bis ihn eine schwere Erkrankung der Wirbelsäule noch vor seinem 60. Geburtstag in den Vorruhestand zwang.

Sein Gespür für Sprache zeigte sich schon früh. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs Wilhelm Stenzel zunächst allein mit seiner Mutter auf. „Ich bin unter Frauen aufgewachsen, deshalb bin ich auch immer gut mit ihnen ausgekommen“, sagte er einmal mit einem verschmitzten Lächeln.

Wenn seine Mutter traurig war, versuchte der kleine Wilhelm sie mit einem Satz zu trösten, den er irgendwo aufgeschnappt hatte: „Für uns werden die Rosen noch einmal blühen.“ Vielleicht liegt in diesem Satz bereits ein Anfang seiner lebenslangen Liebe zu schönen Worten.

1948 lernte Wilhelm Stenzel seine spätere Frau Lina kennen. Noch Jahrzehnte später sprach er mit großer Zuneigung von ihr. Besonders mochte er es, „wenn sie rote Sachen trug und die dann morgens neben dem Bett über dem Stuhl hingen“.

Es ist ein kleiner Satz – und doch erzählt er viel von Vertrautheit, Erinnerung und einer großen Liebe.

Als Lina vor inzwischen fast 45 Jahren starb, blieb eine tiefe Leere zurück. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er zaubern könnte, antwortete Wilhelm Stenzel einmal ohne zu zögern: „Noch einmal eine Stunde mit meiner Frau verbringen.“ Kein Jahr, kein Monat, keine Woche – nur diese eine Stunde.

Halt fand er in Büchern, im Schreiben und im Zeichnen. Aus seiner Trauer entstanden Hunderte Gedichte und Bilder. Schließlich führte ihn die Literatur auch mit anderen Menschen zusammen: 1995 gründete er gemeinsam mit Friedrich Pape den Calenberger Autorenkreis.

Wilhelm Stenzel schreibt nicht mit dem Blick auf Bestsellerlisten. Einige seiner Bücher brachte er selbst heraus, darunter den Gedichtband „Aus dem Album der Zeit“ und gesammelte Werke unter dem Titel „Ein letztes Mal noch“. Sie erreichten vor allem ein regionales Publikum. Die Bedeutung seines Schaffens lässt sich jedoch nicht allein an Auflagenzahlen messen.

Seit Jahrzehnten macht Stenzel Literatur zu einem Teil des kulturellen Lebens in der Region. Er liest, schreibt, zeichnet, trägt seine Gedichte vor und spricht mit einer Begeisterung über Worte und Bücher, die sich auf andere überträgt. Mit der Gründung des Calenberger Autorenkreises schuf er gemeinsam mit Friedrich Pape einen Ort, an dem Menschen ihre Texte teilen, einander zuhören und sich über Literatur begegnen können.

Fortsetzung auf Seite 5

Renate Volkers beschreibt ihn als ein „wandelndes Literaturbuch“. Wilhelm Stenzel hat unzählige Werke gelesen, erinnert sich an Autoren, Geschichten und Verse – und gibt dieses Wissen bis heute weiter.

Vielleicht wirkt er auch deshalb so besonders, weil er eine Form gelebter Kultur verkörpert, die heute leicht übersehen wird. Stenzel betreibt Kunst nicht als Karriere, Marke oder Geschäft, sondern aus jahrzehntelanger Hingabe. Im ursprünglichen und ehrenden Sinn des Wortes ist er ein Amateur: ein Liebhaber der Literatur. Seit Jahrzehnten liest, schreibt, zeichnet und spricht er über Bücher, ohne Auflagen oder öffentliche Anerkennung zum Maßstab zu machen.

Auch die Liebe ist in Wilhelm Stenzels Leben zurückgekehrt. Im Kursana lernte er Inge kennen, die Anfang August ihren 88. Geburtstag feierte. Aus einer Begegnung wurde Zuneigung – inzwischen sind die beiden ein Paar.

Auch Inge findet Eingang in seine Verse. Einige seiner jüngsten Liebesgedichte sind ihr gewidmet. Sie zeigen, dass die Liebe noch immer schöne Worte in Wilhelm Stenzel findet.

Seine Weggefährten im Calenberger Autorenkreis schätzen nicht nur sein literarisches Gespür, sondern auch seine besondere Art, Menschen zuzuhören und mit wenigen Worten viel auszudrücken. Auch wenn er heute nicht mehr regelmäßig an den Treffen teilnehmen kann, bleibt er ein wichtiger Teil der Gemeinschaft.

Zu seinem 99. Geburtstag gratulieren ihm die Mitglieder des Calenberger Autorenkreises herzlich. Und vielleicht ist das schönste Geschenk, das man einem Dichter machen kann, seine Worte weiterzutragen.

Extra-Kasten:

Morgen, hast du gesagt von Wilhelm Stenzel
(In memoriam Litta)Wenn du nun gehst,
was soll dann aus mir werden?
Morgen, hast du gesagt, morgen
wollen wir über alles reden.
Und dann hast du mich geküsst,
hast dich an mich gelehnt,
mit einer Hand meine Augen verdeckt
und mir zugeflüstert: Du siehst mich nicht,
du hörst mich nicht, aber ich bin da.
Du wirst mich fühlen, was immer auch geschieht,
und nun schlaf.
Schlaf tief und fest und träum von mir.Ich habe nicht geschlafen,
ich habe auch nicht geträumt.
Dem Hauch deiner Lippen bin ich gefolgt,
jeden Schlag deines Herzens hab ich gespürt,
umhalst habe ich dich, umklammert,
und doch bist du mir entglitten.Die Blumen duften noch, die ich für dich gekauft,
in eine Vase gestellt und versteckt habe.
Dein Lieblingsrock hängt noch über dem Stuhl
und deine Bluse, rot mit weißen Punkten,
so wie du sie ausgezogen hast, liegt noch da.
Nur du, du bist nicht mehr da.
Aber morgen, hast du gesagt, morgen
wollen wir über alles reden.
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