Eine völlig harmlose Frage

Neulich hat mich ein Freund gefragt, was eigentlich mein Lieblingsessen ist. Eine völlig harmlose Frage. Für normale Menschen.

Die sagen dann so Sachen wie „Pizza“, „Lasagne“ oder „Wiener Schnitzel“. Manche antworten sogar innerhalb derselben Minute. Ich habe großen Respekt vor solchen Menschen.

Ich dagegen musste die Frage erst einmal ganz genau ansehen: Denn was bedeutet „Lieblingsessen“ überhaupt? Meinen aktuellen Appetit? Die statistisch häufigste Essenswahl der vergangenen fünf Jahre? Das Gericht, das ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde? Oder ist es das Essen, das objektiv die höchste Lebenszufriedenheit erzeugt, gewichtet nach Geschmack, Gesundheit, Preis-Leistungs-Verhältnis und emotionaler Bindung?

Außerdem: Darf etwas überhaupt Lieblingsessen sein, wenn man gleichzeitig weiß, dass ein Salat vernünftiger wäre? Und wenn ich heute „Wiener Schnitzel“ sage – was ist dann, wenn ich morgen feststelle, dass ich doch lieber Lasagne esse? Bin ich dann ein Mensch, der seine Meinung ändert? Oder einer, der gestern einfach objektiv falsch lag?

Während andere also bereits bestellen, sitze ich gedanklich an Version 3.4 eines wissenschaftlich belastbaren Bewertungsverfahrens.

Kurz überlege ich, ChatGPT zu fragen: „Entwickle ein evidenzbasiertes Verfahren zur Ermittlung meines Lieblingsessens. Berücksichtige kurzfristige Appetitsschwankungen, biografische Prägungen, gesundheitliche Zielkonflikte sowie die Möglichkeit, dass sich meine Präferenzen während der Untersuchung verändern.“

Falls das zu lange dauert, programmiere ich eben eine kleine Chrome-Erweiterung. Sie greift auf meinen Kalender, meine Blutwerte, die Wettervorhersage und meine bisherigen Restaurantbesuche zu und berechnet daraus die gegenwärtig vertretbarste Antwort.

Ergebnis: „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent lautet Ihre aktuelle Präferenz Wiener Schnitzel. Die Datenlage ist jedoch noch nicht ausreichend. Bitte vermeiden Sie vorschnelle Festlegungen.“

Mein Freund schaute mich nach einer Weile an und fragte nur: „Also ... wo gehen wir jetzt essen?“

Ich antwortete nur: „Ich melde mich.“ Die Auswertung läuft noch.

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