Zwischen Zeigestock und Zukunft
Anekdoten aus der Nachkriegszeit: Acht ehemalige Schülerinnen und Schüler der Volksschule Ronnenberghaben sich 75 Jahre nach der Einschulung getroffen

Tradition: Absolventen und Absolventinnen der Volksschule Ronnenberg sehen sich alljährlich beim Klassentreffen wieder.Foto: privat
Empelde. „Wir kamen uns vor wie winzige Gestalten vor einer ungeheuren Welt aus Stein – und doch waren wir voller Erwartung“: Ingrid Wellhausen erinnert sich an den Beginn ihrer Schulzeit. Rund 30 neugierige, skeptische und teils auch verängstigte „Zwerge“ standen damals vor den für Kinder riesigen grauen Mauern der Ronnenberger „Volksschule mit differenziertem Mittelbau“. Acht Absolventinnen und Absolventen haben sich vor kurzem – 75 Jahre später – wiedergetroffen, Erinnerungen und Anekdoten ausgetauscht.

„1951 war das Gründungsjahr unserer Gemeinschaft“, erzählt Jürgen Mülling, der das Treffen zusammen mit Ingrid Wellhausen organisiert hat. Jedes Jahr kommen die ehemaligen Schülerinnen und Schüler zusammen. In den ersten Monaten arbeiteten die Mädchen und Jungen noch auf Schiefertafeln, später kamen Federhalter und Tintenfass hinzu, bald der erste Füllhalter – Marke Brause Iserlohn. „Die Marke war vorgegeben, die Industrie wusste schon damals, wie man uns führt“, bemerkt Wellhausen rückblickend. Heute wirkt das im Vergleich zu Tablet und Notebook fast wie aus einer anderen Welt.

Die Kinder der Klasse wuchsen in den frühen Jahren der Bundesrepublik auf. Hannover lag noch teilweise in Trümmern, gleichzeitig standen Zeichen des Neubeginns wie das Kaufhaus Magis am Kröpcke. Kleidung wurde oft notdürftig aus alten Beständen angepasst, etwa aus Militärmänteln, die umgearbeitet wurden. Ohne Kleingärten hätten sich viele kaum ernähren können. In Ronnenberg prägten Gemüsebauern, Lanz-Bulldogs auf den Feldern und die Kali-Chemie AG das Umfeld.

Die Klasse spiegelte die Nachkriegsgesellschaft: Einheimische, Ausgebombte und Flüchtlingskinder saßen nebeneinander. Die Unterschiede waren groß, die Bildungswege ungleich. Kinder aus besser gestellten Familien wechselten früher auf höhere Schulen, andere blieben zurück. Mülling sagt selbstkritisch: „Wir haben nicht gefragt, warum jemand stehenblieb – wir liefen einfach weiter.“

Die Lehrer hinterließen deutliche Spuren in der Erinnerung – ob Hans Zimmer mit seinem markanten „Klingeling“ und „Bummbumm“ oder Friedrich Oberbeck als strenger „Klassendompteur“ mit Zeigestock. Pädagogen wie Rolf Stiehler im Englischunterricht oder Arthur Sommers in Mathematik und Naturwissenschaften prägten viele Schüler positiv. „Manche waren hart, andere echte Vorbilder – vergessen hat man keinen“, so Mülling. Auch der eine oder andere Streich gehörte dazu. Lehrer Oberbeck wurde von seinen Schülern dadurch „geehrt“, dass sie ihm nachts die Gartenpforte aushängten und im Nachbarvorgarten ablegten. „Nach einer Ermahnung durch die Schulleitung wurde sie wieder zurückgebracht“, erinnert sich Mülling verschmitzt.

Und noch etwas ist ihm gut im Gedächtnis geblieben. Neben der Schule gab es einen Fotografen, nach einem Traditionsunternehmen der Branche „Adox-Männchen“ genannt, mit einem kleinen, roten Auto. Acht Schüler hoben einst den Wagen, Modell Goggomobil, an und trugen ihn 120 Meter hinter die Kirche. Der Besitzer holte das Auto später grollend zurück.

Bei einer Klassenfahrt 1958 in Hohegeiß sollte eigentlich ein Fußballspiel stattfinden. Mülling verteilte in gutem Glauben Schokolade mit dem Namen „Darmol“, ohne zu wissen, dass es sich um ein Abführmittel handelte. Dadurch kam es zu starken Verdauungsproblemen in der gegnerischen Klasse. Das Spiel fiel aus.

1958 verließen die ersten Mitschülerinnen und Mitschüler die Schule, fast alle fanden eine Lehrstelle. Die übrigen wurden erneut zusammengeführt, bis 1961 die Abschlussprüfungen stattfanden. „Wir haben es alle geschafft – und standen am Ende auf einer Treppe, als wäre das Leben kurz stillgestanden“, erinnert sich Mülling. Alle hatten einen Ausbildungsplatz, viele blieben in der Region Hannover, andere gingen weiter hinaus.

1980 traf sich die Klasse erstmals wieder – seither wird die Gemeinschaft gepflegt. Heute, 75 Jahre später, resümieren Mülling und Wellhausen: „Aus allen ist etwas geworden.“

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