Lieber Festumzug als Freibad
Mehr als 30 Grad, kaum Schatten und trotzdem volle Straßen: Beim Historischen Freischießen trotzen die Menschen der Hitze. Für viele ist der Umzug das Highlight des Jahres.

oller Blick auf das Freischießen Wennigsen 2026: Entlang der geschmückten Straßen verfolgen Zuschauer die Parade aus der ersten Reihe – oder von Balkonen mit bester Aussicht auf das Geschehen.Fotos: Catalina Grobe Fernandes
Wennigsen. Eigentlich ist Freibadwetter. Die Sonne brennt auf Wennigsen herunter, die Temperaturen liegen deutlich über 30 Grad. Doch statt am Beckenrand zu sitzen, haben sich viele Menschen entlang der Straßen ihre Plätze gesichert. Campingstühle stehen im Schatten von Bäumen, Picknickdecken liegen auf Grünstreifen, manche Anwohner haben sogar Tische und Bänke vor ihren Häusern aufgebaut. Wer am Sonntagnachmittag, 21. Juni, durch den Ort läuft, merkt schnell: Das Historische Freischießen hat Wennigsen fest im Griff.

Schon lange vor dem Beginn der Parade stehen Familien an den Straßenrändern. Vorgärten werden zu Zuschauertribünen, von Balkonen aus beobachten Menschen das Geschehen. Rot-gelbe Schleifen schmücken Hecken und Bäume, Fahnen wehen vor Häusern. Die Gemeinde wartet auf ihren Höhepunkt.

„Ja, auf jeden Fall“, sagen mehrere Frauen am schattigen Straßenrand auf die Frage, ob der Umzug bei dieser Hitze wirklich attraktiver sei als ein Besuch im Freibad. Dann lachen sie. „Wobei es im Freibad heute auf jeden Fall leerer ist.“ Für die Gruppe steht fest: Das Historische Freischießen ist das Highlight des Jahres im Ort.

Im Ortskern wird es immer voller. Familien mit Kinderwagen stehen neben Seniorinnen und Senioren, Jugendliche suchen Schattenplätze, Kinder beobachten gespannt das Geschehen. Dann beginnt die Aufstellung. „Augen geradeaus“, hallt es über den Platz. „Gewehr über. Gewehr ab.“ Die Kommandos wirken militärisch. Aus der Zuschauermenge ist vereinzelt zu hören: „Ach, guck mal, da sind auch Frauen und Mädchen dabei.“

270 Frauen und Männer gehören in diesem Jahr zum Landsturm, aufgeteilt auf drei Züge. Statt Gewehren tragen sie Spazierstöcke, an deren Ende kleine Blumensträuße befestigt sind. Dazwischen erklingt immer wieder Musik. Kapellen spielen Märsche, Pferde ziehen Kutschen durch die Menge, Uniformierte nehmen Aufstellung.

Während die Zuschauer Schatten suchen, stehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Parade in der prallen Sonne. Die Temperaturen machen allen zu schaffen: Rot angelaufene Gesichter, Schweißperlen und erschöpfte Blicke sind vielerorts zu sehen. Während der Aufstellung brechen zwei Menschen zusammen. Die Parade wird kurz unterbrochen, Rettungswagen kommen zum Einsatz. Nach Angaben der Einsatzkräfte geht es beiden Betroffenen schnell wieder besser. Sie erhalten Wasser und Kühlpacks und kehren anschließend zur Veranstaltung zurück. Wenig später erklingt erneut Musik. Die Parade geht weiter.

Ein paar Meter weiter steht Isabell Spielmann mit Familie und Freunden am Straßenrand. Getränke haben sie vorsorglich von zu Hause mitgebracht. Immer wieder wird gewinkt und applaudiert, wenn bekannte Gesichter auf der Straße vorbeiziehen.

Ob das wirklich besser sei als ein Nachmittag im Freibad? „Ja, klar. Das ist nur alle drei Jahre“, sagt Spielmann. Besonders freut sie sich darüber, dass inzwischen auch Frauen beim Freischießen mitlaufen. Beim Blick auf die vorbeiziehenden Formationen denkt sie bereits weiter: Vielleicht marschiert sie beim nächsten Freischießen selbst mit.

Ein Stück weiter in Richtung Festplatz verfolgt Familie Peter das Geschehen. Auch für sie gibt es an diesem Nachmittag keinen besseren Ort als den Straßenrand in Wennigsen.

Mit dabei sind Freunde, die nicht aus der Deistergemeinde kommen. Trotzdem wollten sie sich den Umzug nicht entgehen lassen. „Wir wollen Freunde und Bekannte sehen, die mitmachen“, sagen sie. Genau das scheint den Reiz des Freischießens auszumachen. Immer wieder wird gewinkt, gerufen und applaudiert, wenn vertraute Gesichter in den Reihen der Garden oder des Landsturms vorbeiziehen. Das Fest ist nicht nur ein Spektakel zum Anschauen. Es lebt davon, dass sich ein großer Teil des Ortes selbst beteiligt.

Als sich die Parade schließlich in Bewegung setzt, jubeln die Menschen am Straßenrand den Teilnehmenden zu. Trotz der Hitze hält die Begeisterung an. Für Außenstehende mag das Historische Freischießen wie ein großer Festumzug wirken. Für viele Wennigserinnen und Wennigser ist es jedoch weit mehr. Es ist ein Fest, das nur alle drei Jahre stattfindet, Freunde und Familien zusammenbringt – und die Hitze kann daran offenbar nichts ändern.

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