Vom Trauma zum Seepferdchen
Nie wieder Panik im tiefen Wasser: In Barsinghausen wollen sechs Erwachsene endlich schwimmen lernen. Ehrenamtliche der DLRG geben Hilfestellung.

Anfängerkurs für Erwachsene: Rettungsschwimmer der DLRG-Ortsgruppe flankieren die praktischen Kursteile mit Trockenübungen am Beckenrand.Foto: Ingo Rodriguez
Barsinghausen. Albina (40) sitzt im Deisterbad in Barsinghausen auf dem Beckenrand und zögert noch etwas. Eine große Schwimmnudel braucht sie zwar nicht mehr, um sich über Wasser zu halten. Auf ein kleines Schwimmbrett will sie aber noch nicht verzichten. Dann atmet die dreifache Mutter noch einmal tief durch, gleitet vornüber mit dem Oberkörper ins tiefe Wasser und stößt sich mit beiden Beinen vom Beckenrand ab. Begleitet von Rettungsschwimmerin Jana Meyer und mit beiden Händen am kleinen Brett schwimmt die 40-Jährige schließlich mit kräftigen Beinbewegungen voran.

„Das Brett ist auch eine Orientierungshilfe, damit sie im Wasser gerade bleibt“, sagt Jana Meyer, als der gegenüberliegende Beckenrand erreicht ist. Die 27-Jährige leitet ein neues Angebot der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) in Barsinghausen. „Es ist der erste Anfängerkursus der Ortsgruppe für Erwachsene“, sagt die junge Frau mit Ausbilderschein.

Anfängerin Albina ist sichtlich stolz, nur mithilfe eines kleinen Brettes eine 25-Meter-Bahn bewältigt zu haben. Sie sei im Alter von 19 Jahren als Nichtschwimmerin aus Russland nach Deutschland gekommen, erzählt sie. „Meine Mutter und mein Bruder können auch nicht schwimmen”, so die 40-Jährige.

Laut DLRG sind erwachsene Nichtschwimmer keineswegs Einzelfälle – auch nicht in Deutschland. Holger Flatt aus dem Vorstand der DLRG-Ortsgruppe verweist auf eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2022. Demnach gaben 5 Prozent der Befragten ab 14 Jahre an, überhaupt nicht schwimmen zu können. In einigen Gruppen lag der Anteil deutlich höher. Im vergangenen Jahr sind laut einer Statistik deutschlandweit mindestens 393 Menschen ertrunken – unter anderem Menschen, die nicht oder nicht sicher schwimmen konnten.

Die DLRG-Ortsgruppe bietet deshalb den ersten eigenen Anfängerschwimmkursus für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahre an. „Bisher lag unser Schwerpunkt auf Kursen für Kinder und Rettungsschwimmer sowie auf einem Kurs für Flüchtlinge im jungen Erwachsenenalter“, berichtet Flatt.

An dem neuen Anfängerkursus besteht großes Interesse. „Es gibt eine Warteliste“, sagt Meyer, die im Deisterbad von drei weiteren Rettungschwimmkräften unterstützt wird. Pro Kursus werden nur sechs Teilnehmende angenommen. „Um ausreichend Sicherheit zu gewährleisten“, so Meyer.

Dem 32-jährigen Jeremy bietet das Angebot eine völlig neue Perspektive. „Beim Schwimmunterricht in der Grundschule hat sich die Lehrerin nicht richtig um mich gekümmert“, erzählt er. Deshalb könne er sich nur halbwegs über Wasser halten. Als Jugendlicher habe er seine Freunde aus Scham nie ins Schwimmbad begleitet.

Vor sieben Jahren wären dem 32-Jährigen seine dürftigen Schwimmfähigkeiten fast zum Verhängnis geworden: „Ich bin in Ägypten beim Schnorcheln nah am Strand in Panik geraten, weil ich plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen hatte“, berichtet Jeremy. Andere Urlauber seien zu ihm geeilt, um zu helfen. „Ich musste aus dem Wasser gezogen werden, sonst hätte ich es nicht geschafft und wäre ertrunken“, erzählt der junge Mann.

Sein Ziel: „Ich möchte sicherer werden und mein Seepferdchen machen.“ Möglicherweise werde das Schwimmen sogar zu seinem neuen Hobby. „Das ist auch gut für meine Rückenprobleme“, sagt der 32-Jährige.

Während der insgesamt 19 einstündigen Kurseinheiten stehen im Deisterbad verschiedene Schwerpunkte auf dem Programm. Dazu gehören das Erlernen der Arm- und Beinbewegungen für das Brustschwimmen und die richtige Atemtechnik. Laut DLRG-Ortsgruppe sollen im Anfängerkursus Schwimmbrillen nicht aufgesetzt werden, weil das Öffnen der Augen unter Wasser ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zum sicheren Schwimmen sei. Sicheres Fortbewegen im tiefen Wasser ist zwar das Hauptziel des Kurses. Je nach Lernfortschritt und Verlauf besteht aber auch die Möglichkeit, Schwimmabzeichen wie das Seepferdchen und die Stufe in Bronze zu machen.

Vom Trauma zum Seepferdchen: Diese Devise gilt auch für die 40-jährige Teilnehmerin Kamila. „Ich komme ursprünglich aus Polen, wo die Kinder das Schwimmen damals nicht in der Schule gelernt haben“, erzählt sie. Im Alter von fünf Jahren sei sie einmal beim Baden von anderen Kindern ins tiefe Wasser geschubst worden und habe sich nicht mehr alleine helfen können. „Es haben mich zwar schnell Erwachsene aus dem Wasser geholt, aber dieses Erlebnis war für mich traumatisch“, sagt Kamila.

Wegen ihres vierjährigen Sohnes will die 40-Jährige ihr Trauma nun überwinden. Denn: Er soll jetzt schwimmen lernen. „Ich merke aber, dass sich meine Angst auf ihn überträgt“, berichtet Kamila. Der Anfängerkursus der DLRG sei ihre große Chance. „Wenn ich selbst das Schwimmen lerne, kann ich meinem Sohn auch seine Ängste nehmen“, beschreibt die Mutter ihr großes Ziel.

Auf Wunsch der Kursteilnehmer verzichten wir auf die Nennung der vollständigen Namen und veröffentlichen lediglich ihre Vornamen.

Druckansicht