Dass Wildhagen überhaupt noch solche Wettkämpfe bestreitet, ist bemerkenswert. Die Liste der Blessuren, die er in seiner Sportlerkarriere hinter sich gebracht hat, ist lang: diverse Radunfälle, Haarrisse, Metallimplantate an Schulter und Brust, eine Zwerchfelllähmung – und nun der Knorpelschaden im Knie, der ihn besonders einschränkt. Viele hätten den Sport an diesem Punkt wohl längst aufgegeben. Wildhagen aber sucht sich immer wieder ein neues Ziel.
Dieses Ziel heißt nun erneut Hawaii. Und der Traum ist teuer. Mit rund 15.000 Euro rechnet Wildhagen für zehn bis elf Tage. Allein das Startgeld beträgt 1.800 Dollar. Dazu kommen Flug, Hotel und Verpflegung. Sein Verein, der TSV Barsinghausen, kann eine solche Reise nicht unterstützen. „Wir sind keine Fußballer“, sagt Wildhagen mit einem Augenzwinkern.
Doch ganz alleine muss Ernst Wildhagen die lange Reise nicht angehen. Auch seine Frau Andrea fliegt mit. Sie ist bei jedem Wettkampf dabei. Sie organisiert das Hotel, kümmert sich ums Essen und sorgt dafür, dass die Sportsachen vollständig sind. Das ist nicht selbstverständlich, wie eine Episode von seinem ersten Hawaii-Start zeigt. Damals vergaß Wildhagen seine Radschuhe im Hotel. Andrea und ein beherzter Taxifahrer schafften es gerade noch rechtzeitig, sie vor dem Start heranzuschaffen.
Auch während der Rennen ist Andrea Wildhagen Teil des Systems. Sie steht morgens um vier Uhr auf, positioniert sich an der Strecke, ruft ihrem Mann Zwischenzeiten zu, wartet stundenlang – wenn es sein muss, auch im Regen. „Sie ist abends genauso fertig wie ich“, sagt Ernst Wildhagen anerkennend. Andrea trägt einen großen Teil der Last, damit er sich ganz auf seinen Sport konzentrieren kann.
Seine Fähigkeit, sich anzupassen, beweist der 64-Jährige auch im Training. Im Sommer kommt er zwar noch immer auf bis zu 20 Stunden pro Woche, im Winter sind es im Schnitt etwa zehn. Doch seine Haltung hat sich verändert. Früher folgte er einem strikten Plan: Wenn vier Stunden Radfahren vorgesehen waren, fuhr er auch bei 13 Grad und Regen los. Heute hört er stärker auf seinen Körper. „Das macht mich gelassener“, sagt er.
Diese Gelassenheit hat auch mit dem Alter zu tun. Wildhagen weiß, dass er seine früheren Bestzeiten nicht mehr erreichen wird. Er muss nicht mehr beweisen, wie schnell er sein kann. Er will sein Niveau halten, gesund bleiben – und trotzdem große Ziele haben. „Ich brauche irgendwie ein Ziel“, sagt er. „Das gehört bei mir dazu.“
Auch bei der Ernährung spürt er, dass sich der Körper verändert hat. „Mit drei Tellern Nudeln vor dem Wettkampf komme ich nicht mehr klar“, sagt Wildhagen. Stattdessen setzt er ergänzend auf Eiweißshakes und Proteinzusätze. Im Rennen selbst greift er zusätzlich zu Weingummis, weil der Zucker schnell Energie liefert. Für Hawaii hat er sich bereits für eine Sorte entschieden: Haribo Tropifrutti – klingt nach der perfekten Wahl für die Insel.
Am 10. Oktober ist es dann so weit. Und wenn alles gutgeht, wird auf Hawaii auch für den Mann aus Barsinghausen wieder dieser eine Satz fallen, der die Reise zum Erfolgserlebnis macht: „You are an Ironman!“