Die Suche nach dem Wackelkandidaten
Ingenieur Dirk Rosinski überprüft auf Gehrdens Friedhöfen mehr als 1000 Grabsteine

Der Grabstein steht: Dirk Rosinski prüft die Standfestigkeit auf dem Friedhof inGehrden.Foto: Mathias Klein
Gehrden. Eigentlich ist es ganz einfach: Dirk Rosinski tritt von hinten an den Grabstein, hält sein Gerät gegen den Stein, drückt etwa zwei Sekunden ein wenig, das Gerät piept zweimal. „Alles in Ordnung“, sagt er. Und geht weiter zum nächsten Grabstein.

Einmal pro Jahr überprüft der Ingenieur aus Garbsen die Standfestigkeit der Grabsteine auf den kommunalen Friedhöfen in Gehrden. „Wir wollen sichergehen, dass nichts passieren kann“, sagt Corina Mensing, die im Rathaus für die Friedhöfe zuständig ist. Denn Grabsteine, die sich vom Fundament gelöst haben, könnten zur Gefahr werden. Zum Beispiel für spielende Kinder. Oder auch für Angehörige, die Gräber pflegen.

Rosinski ist im ganzen norddeutschen Raum auf Friedhöfen unterwegs. Und er erlebt es nicht selten, dass sich die Menschen bei der Grabpflege am Stein abstützen. „Das kann gefährlich werden“, sagt er. Und berichtet von einer älteren Frau, die sich auf dem Friedhof beide Beine gebrochen hat. Sie wollte sich beim Aufstehen am Grabstein festhalten, der Stein kippte und stürzte auf sie.

Rund 1150 Grabsteine gibt es auf den sechs kommunalen Friedhöfen in Gehrden. Neben dem Friedhof in Gehrden sind das die Ruhestätten in Leveste, Ditterke, Northen, Lemmie und Redderse. Die Friedhöfe in Everloh und Lenthe sind kirchliche Friedhöfe. Die meisten Steine stehen in Gehrden, dort sind es fast 800. Und hier ist Rosinski gerade unterwegs.

Mithilfe des Gerätes übt der Ingenieur einen Druck von 300 Newton auf den Stein aus, das sind rund 30 Kilogramm. Wenn es dann zweimal piept, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, ist der Stein umsturzgefährdet. Eigentlich passiere das eher selten, berichtet Rosinski. Aber die Verbindung zwischen Stein und Betonfundament hält nicht ewig. Hauptproblem sind Feuchtigkeit und Frost. „Durch Regenwasser kann es in den Fugen Haarrisse geben“, erläutert der Experte. Sollte akute Umsturzgefahr bestehen, reicht der Aufkleber nicht. Dann verständigt Rosinski die Friedhofsmitarbeiter, die das Grab dann erst einmal absperren.

Er erinnert sich an eine Überprüfung auf einem Friedhof in Ostfriesland vor einigen Jahren: 25 Prozent der Grabsteine waren dort umsturzgefährdet. In Gehrden ist die Lage deutlich besser. Im vergangenen Jahr drohten auf allen kommunalen Friedhöfen nur fünf Grabsteine umzukippen.

Grabsteine müssen auf einem Fundament befestigt werden. Die Verbindung zwischen Fundament und Grabmal wird dann mit speziellen Dübeln und einem besonderen Kleber hergestellt, erklärt Rosinski.

Wenn der Ingenieur Probleme feststellt, holt er einen grünen Aufkleber aus der Tasche und befestigt diesen auf dem Grabstein: „Achtung. Dieses Grabmal ist nicht mehr standsicher und muss umgehend wieder fachgerecht befestigt werden.“ Am besten funktioniere das, indem die Angehörigen der Verstorbenen Kontakt zu ihrem Steinmetz aufnehmen.

Allerdings haben Grabsteinprüfer wie Rosinski zunehmend weniger zu tun. Nicht nur in Gehrden ist die Nachfrage nach Erdbestattungen stark rückläufig: Im Jahr 2010 lag der Anteil der Sargbestattungen noch knapp über 50 Prozent, berichtet Friedhofsverwalterin Mensing. Im vergangenen Jahr waren es weniger als 30 Prozent. Außerdem ist der Anteil der Grabstellen, die nicht mehr gepflegt werden müssen, stark gestiegen, auf über 60 Prozent.

Der Prüfingenieur muss sich allerdings nicht selten mit Anwälten streiten. Denn immer wieder behaupten Angehörige, Rosinski habe bei der Prüfung den Stein extra gelockert, damit der Steinmetz einen Auftrag bekommt. „Absurd“, sagt der Ingenieur. Mit seiner gründlichen Dokumentation jeder Prüfung konnte er diese Behauptungen bisher immer zurückweisen.

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