Das lange Eheglück ist auch einem Umzug zu verdanken: „Ich bin 1955 als Jugendliche mit meiner Familie aus Halle an der Saale nach Gehrden gezogen“, erzählt die inzwischen 84-jährige Ingetraut. Ihr Vater sei Polizist gewesen. Alteingesessenen sei ihr Vater Eugen Weiß noch gut bekannt – ebenso wie sein Polizeihund Greif. Ihrem späteren Ehemann begegnete Ingetraut zum ersten Mal beim Gehrdener Schützenfest. Er habe sie gleich „gemocht“, sagt Ernst.
Aus Sympathie wurde spätestens im Jahr 1958 ernsthaftes Interesse. „Er brauchte eine Tischdame für ein Gartenfest, deshalb hat er meinen Vater gefragt, ob er mich einladen dürfe“, erinnert sich die Umworbene. Der Polizist verknüpfte sein Einverständnis mit einer Bedingung: „Bringen Sie meine Tochter so wieder zurück, wie Sie sie mitnehmen“, habe der spätere Schwiegervater ihm geraten, erzählt Ernst Mittendorf. Er hielt sich daran. „Es war ein wunderschönes Fest – und er hat mich danach artig nach Hause gebracht“, erzählt seine heutige Ehefrau.
Trotzdem stand das Paar bei weiteren Treffen unter Beobachtung und buchstäblich auch „unter Polizeischutz“: Der kleine Bruder von Ingetraut habe während ihrer „Heimlichkeiten” im Gehrdener Wald mit dem Hund Greif immer „gut aufgepasst“, erzählt der 89-jährige Ernst amüsiert.
Offenbar gab es nichts zu beanstanden: „Silvester 1959 haben wir uns verlobt“, sagt Ingetraut. Ihre Eltern seien einverstanden gewesen. „Dann sind wir als verlobtes Paar mit Freunden in die Kneipe ‚Räuberhöhle‘ gegangen und haben eine tolle Party gefeiert“, so die 84-Jährige.
Für die gelernte Schreibmaschinenfachkraft und Stenografin war die Verlobung mit einer beruflichen Veränderung verbunden: Weil die Familie Mittendorf einen landwirtschaftlichen Betrieb führte, absolvierte Ingetraut ihrem Ernst zuliebe eine einjährige Ausbildung für landwirtschaftliche Hauswirtschaft. „Er wollte das gerne. Und weil ich ihn sehr mochte, habe ich das gemacht“, sagt sie.
Am Tag der Hochzeit, am 19. Mai 1961, zog Ingetraut nach der Feier im „Ratskeller“ aus ihrem Elternhaus an der Neuen Straße aus und in das Elternhaus ihres Mannes ein. 1962 kam Sohn Jan-Hinnerk zur Welt, vier Jahre später Sohn Cord, der von 2014 bis 2022 SPD-Bürgermeister der Stadt Gehrden war.
Vater Ernst saß davor 43 Jahre lang für die FDP im Stadtrat und war 35 Jahre stellvertretender Bürgermeister. Außerdem war Mittendorf Mitglied des Kreistages und saß bis 2006 für die Liberalen in der Regionsversammlung. Im Jahr 2012 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Gehrden verliehen. Diese Auszeichnung gab es zuvor nur fünfmal – für Ottomar von Reden, August Kageler, Heinrich Hische, Helmut Oberheide und Heinrich Berkefeld.
Auch Ingetraut Mittendorf war ehrenamtlich im Einsatz: Von 1995 bis 2007 leitete sie als Vorsitzende den DRK-Ortsverein. Das Ehepaar hat sieben Enkelkinder und vier Urenkel.
In 65 Ehejahren habe es natürlich auch Streit gegeben. Aber: „Wir haben immer dafür gesorgt, dass Unstimmigkeiten sofort behoben wurden“, sagt die 84-Jährige. Ihr Mann sei immer sehr verlässlich gewesen. Der Gatte nennt „gutes Zuhören“ als Voraussetzung für langes Eheglück: „Man muss bei Unstimmigkeiten Kompromisse finden“, sagt er und lächelt.