In den Händen von Hebammen
Im Kreißsaal des Klinikums Robert Koch können Frauen ihre Kinder ohne ärztliche Unterstützung zur Welt bringen

Eva Sombrutzki leitet auf der Wochenbettstation die Studentin Paula Kirsch an.fotos: Katrin Kutter
Gehrden. Im Kreißsaal des Klinikums Robert Koch in Gehrden klingelt am Dienstagmorgen um kurz nach 10 Uhr das Diensthandy von Hebamme Anja Nasarek. Ein Rettungswagen ist unterwegs in die Klinik. An Bord: eine Hochschwangere, die in den Wehen liegt. Die drei Hebammen der Frühschicht sind bereits seit 6 Uhr im Dienst. Sofort beginnen sie damit, ein Zimmer vorzubereiten. Hektik entsteht dabei nicht. Ruhe zu bewahren, ist so etwas wie eine Grundqualifikation für den Job.

„Manchmal haben wir hier sechs Geburten am Tag, an anderen Tagen passiert gar nichts. Das kann man nicht planen“, sagt Nasarek, während sie durch die pink gestrichenen Flure ins Stationszimmer geht. Fotos von Neugeborenen und Dankeskarten von Familien hängen dort an den Wänden. 949 Kinder kamen im vergangenen Jahr in diesem Kreißsaal zur Welt.

Nasarek ist die leitende Hebamme der Station. Seit 24 Jahren begleitet sie in Gehrden Geburten, mehr als 1000 Kinder hat sie auf die Welt gebracht. Irgendwann hat sie aufgehört zu zählen. Heute arbeitet sie mit 22 Kolleginnen zusammen. Vertrauen schenken, Halt geben, Begleitung durch jeden Schritt der Geburt und ein Feingefühl dafür, was eine Frau gerade braucht – all das gehört zu den Aufgaben der Hebammen auf der Geburtsstation. Der Kreißsaal in Gehrden geht dabei einem besonderen Betreuungskonzept nach.

Neben einem klassischen interdisziplinären Kreißsaal, in dem Hebammen mit Ärztinnen und Ärzten gemeinsam arbeiten, gibt es in Gehrden seit 2009 auch einen sogenannten Hebammenkreißsaal. Frauen mit einer unkomplizierten Schwangerschaft können sich bewusst dafür entscheiden, ihre Geburt ausschließlich von Hebammen begleiten zu lassen – möglichst interventionsarm und oft ohne Schmerzmittel.

Nasarek beschreibt das so: „Wir wollen den Frauen eine Geburt ermöglichen, wie sie es sich wünschen. Eine gesunde Frau braucht oft keine Interventionen.“ Und weiter: „Während Ärzte häufig schauen, was vielleicht nicht stimmt, schauen wir Hebammen eher darauf, wie wir die Frau stärken können.“ Wenn doch medizinische Hilfe nötig wird, ist sie jederzeit verfügbar. Etwa 10 bis 20 Prozent der Frauen entscheiden sich in der Gehrdener Klinik für dieses Modell.

Bereits wenige Minuten später fährt der Rettungswagen vor. Die Schwangere wird direkt in den Kreißsaal gebracht. Hebamme Sabrina Schmengler übernimmt dort ihre Versorgung, ab jetzt bleibt sie an der Seite „ihrer” Frau. Schritt für Schritt während der gesamten Geburt. Dass in dem Kreißsaal eine Eins-zu-eins-Betreuung zwischen Hebamme und Schwangerer möglich ist, liegt auch daran, dass ausreichend fest angestellte Hebammen im Dienst sind. Beleghebammen hingegen, die mit der von ihnen betreuten Frau erst zur Geburt ins Krankenhaus kommen, stehen seit der Einführung eines neuen Gesetzes zunehmend unter Druck.

Mit dem im November 2025 in Kraft getretenen Hebammenhilfevertrag sollten die Versorgung bei der Geburt eigentlich verbessert und eine Eins-zu-eins-Betreuung besser umsetzbar werden. Für Beleghebammen bedeutet die neue Vergütungsstruktur jedoch oft das Gegenteil von Planungssicherheit. Der gestaffelte Stundenlohn rentiert sich vor allem dann, wenn sie eine Frau komplett allein betreuen. In der Realität begleiten sie aber meist mehrere Gebärende gleichzeitig. Viele Hebammen rechnen deshalb mit bis zu einem Drittel weniger Einkommen. Nach Kritik aus der Branche gab es im April dieses Jahres zwar Anpassungen am Vertrag – dennoch haben in Niedersachsen bereits erste Hebammen gekündigt.

Viele Kinder kämen kurz vor oder nach dem Schichtwechsel auf die Welt, hat Nasarek am Morgen noch lachend gesagt. Ihre Erfahrung soll sich auch an diesem Tag bewahrheiten: Zum Mittag, um kurz nach 13 Uhr, erklingt aus dem Zimmer der werdenden Mutter plötzlich ein erster, heller Schrei eines Babys. Tilia ist geboren. Der Vater kommt heraus, wirkt überwältigt und überglücklich. Er darf den Namen seiner Tochter in bunter Schrift auf die Tafel schreiben, auf der alle Babys dieses Monats festgehalten werden.

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Im Januar dieses Jahres wurde der Kreißsaal in Gehrden offiziell als Hebammenkreißsaal zertifiziert – und ist damit neben Osnabrück erst der zweite in Niedersachsen. Die Auszeichnung des Deutschen Hebammenverbands, erstmals 2024 vergeben, bestätigt, dass definierte Qualitätsstandards erfüllt werden. Die Kosten für die Gutachten in Höhe von rund 10.000 Euro konnten durch eine Förderung des Landes Niedersachsen gedeckt werden. Das Zertifikat gilt für drei Jahre.

Für Sabrina Schmengler ist die Arbeit nach der Geburt noch nicht getan. Während die Eltern ihre Tochter zum ersten Mal im Arm halten, beginnt sie mit der Dokumentation. Jede ihrer Maßnahmen, der gesamte Ablauf der Geburt, muss nachgezeichnet werden. Auf die Frage, wie viel Zeit ihres Tages sie mit der Dokumentation verbringt, lacht sie zunächst nur. „Eine ganze Menge“, sagt sie schließlich. Eigentlich hätte sie vor zehn Minuten Feierabend gehabt. Noch etwa eine Stunde wird sie für die Arbeit brauchen, hinzu kommt das Ausfüllen des Mutterpasses und der Übergabeunterlagen.

Im Hintergrund kämpft bereits die nächste Frau mit ihren Wehen. Und sie weiß: Auch wenn es bei ihr so weit ist, wird eine Hebamme ihr zur Seite stehen.



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