Software aus Lemmiefür ganz Deutschland
Die Firma Concepts System unterstützt Unternehmen bei der Digitalisierung. Wie sich das einstige Nebenprojekt dreier Schulfreunde zu einem bundesweit erfolgreichen Geschäft entwickelt hat.

Arbeiten seit 2016 an ihrer ERP-Software "myCorazon": Simon Siewert (links) und Robin Hammargren.Foto: Jakob Wolf
Lemmie. „Krass, sogar 70 Nutzer gleichzeitig“, stellt Simon Siewert fest. Der Entwicklungsleiter der Firma Concepts System sitzt an seinem Schreibtisch und kontrolliert, ob das System problemlos läuft. Jede Funktion, jede Interaktion hat er im Blick. Kurz darauf betritt Robin Hammargren das Büro: „Wie läuft’s?“ Siewert zeigt den aktuellen Stand, Hammargren nickt: „Sehr gut.“

In einem renovierten Bauernhaus in Lemmie entwickelt die Concepts System GmbH eine Software für Unternehmen, die diesen dabei helfen soll, ihre Prozesse zu digitalisieren. Was als Nebenprojekt zweier Schulfreunde begann, ist heute ein moderner Betrieb mit bundesweit mehr als 100 Kunden. Die Macher sind jung und Profis auf ihrem Gebiet.

Robin Hammargren ist der Geschäftsführer von Concepts System. Gemeinsam mit Siewert und vier Kollegen entwickelt die Firma die sogenannte Enterprise-Resource-Planning-Software (kurz: ERP-Software) mit dem Namen „myCorazon“. Diese hilft Unternehmen aus der Warenwirtschaft bei der digitalen Abbildung ihrer Prozesse. „Einkauf und Verkauf lassen sich darüber steuern, Aufträge und Rechnungen werden automatisch erstellt“, erklärt Hammargren. Je nach Bedarf können Module wie Zeiterfassung, Projektmanagement und Online-Banking hinzugeschaltet werden. Die Software laufe cloudbasiert, also über das Internet, sagt Siewert. „Firmen nutzen sie auf Mietbasis über eine Webseite oder per App.“

Die Kundschaft von Concepts System reicht vom Großhandel über Kleinproduzenten bis hin zu Dienstleistungen – aus ganz Deutschland. „Die meisten kommen über Empfehlungen“, so der Geschäftsführer. Doch nicht jedes Unternehmen kann unterstützt werden. Die Grenze liege bei etwa 100 Mitarbeitern, ab dann würden Prozesse so komplex, dass das System an seine Grenzen stößt. Dass inzwischen mehr als 100 Betriebe mit ihrem Modell arbeiten, ist für das Team ein Erfolg – und das Ergebnis langer Vorarbeit.

Gegründet wurde die Firma 2015. Hammargren studierte Wirtschaftswissenschaften in Hannover und wollte sich mit seinem Kommilitonen Kevin Seebonn „neben dem Studium etwas dazuverdienen“. „Wir hatten keine Idee, wie genau das funktionieren soll“, erzählt der Geschäftsführer schmunzelnd. Also berieten sie zunächst Firmen bei der Wahl passender Software. Doch schon nach kurzer Zeit wuchs die Unzufriedenheit bei ihnen und ihren Kunden mit den vorhandenen ERP-Systemen.

„Viele Unternehmen setzten noch auf sogenannte On-Premise-Lösungen“, berichtet Hammargren. Dabei handelt es sich um Software, die gekauft und auf dem hauseigenen Computer installiert und betrieben wird. Jede Installation konnte anders aussehen, anders programmiert sein, anders funktionieren. Einerseits flexibel, andererseits störanfällig – vor allem bei Problemen und Updates.

Ein Beispiel aus der Gastronomiebranche ist Hammargren besonders präsent: „Kurz nachdem wir unsere Software entwickelt hatten, wurde die Mehrwertsteuer gesenkt. Wir haben einen Knopf gedrückt und alle konnten sich das Update herunterladen.“ Bei klassischen Modellen musste dagegen ein Techniker in jeden einzelnen Betrieb fahren. „Es betraf tausende Firmen und viele konnten tagelang nicht abrechnen“, ergänzt Siewert. Er ist überzeugt: „Solche Erfahrungen haben die Akzeptanz für die Cloud enorm gesteigert.“

Die Umsetzung der eigenen Software begann 2016. Doch dafür brauchte es jemanden, der programmieren kann. „Und da kam ich ins Spiel“, sagt Siewert, damals Informatikstudent in Aachen. Seebonn, Siewert und Hammargren kannten sich von ihrer Oberstufenzeit in Elze. „Wir dachten, dass wir nach einem Jahr fertig sind.“

Heute lachen die Kollegen über ihre anfängliche Naivität. Denn erst 2019 arbeitete der erste Kunde mit „myCorazon“. Doch dafür haben sie die Software ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gebaut und profitieren heute von den Vorteilen: „Umfangreiche Anpassungen dauern bei uns Monate – anderswo gehen Jahre ins Land, um auf die Cloud umzustellen oder größere Anpassungen vorzunehmen“, meint Entwicklungsleiter Siewert. Entsprechend positiv fällt sein Fazit aus: „Es war damals keine Marktlücke, aber der richtige Moment. Jetzt haben wir eine ERP-Software, die alles kann, aber trotzdem simpel ist.“

Von ihren doch recht ungewöhnlichen Geschäftsräumen in Lemmie zeigen sich die Software-Entwickler überzeugt: Das renovierte Bauernhaus mit seinen hohen Decken, der offenen Küche und dem Fernseher an der Wand „sieht schon eher nach Wohnhaus aus“, gibt Siewert zu. Aber hier fühlten sie sich wohl. Ländlich, ruhig, aber durch die Nähe zu Hannover gut angebunden. „Ich genieße die nachbarschaftliche Atmosphäre“, sagt er und deutet durch das Fenster auf das Gebäude nebenan. „Unser Nachbar ist mittlerweile auch Kunde.“ Nur der Tischkicker im Flur bleibe meist unbenutzt: „Dafür ist leider selten Zeit.“ Denn das Team arbeitet stets mit Hochdruck und trägt dabei große Verantwortung. An einem normalen Tag sind im Schnitt 50 Nutzer gleichzeitig online. Fällt das System eine Stunde lang aus, sind entsprechend viele Arbeitsstunden ruiniert. „Das ist natürlich nicht der Regelfall – aber wenn es passiert, reagieren wir sofort“, sagt der Entwicklungsleiter. Früher war er nervöser, heute kann Siewert „besser mit dem Druck umgehen“. Das Verantwortungsgefühl ist geblieben: Jeden Monat laufen 15 bis 20 Millionen Euro durch die Software.

Für die Zukunft möchten sie vor allem eins: Ihre Anwendung optimieren und dabei Prozesse für die Kunden vereinfachen. Außerdem wollen sie wachsen und peilen laut Hammargren ein Wachstum von 40 Prozent an. „Aktuell sind wir auf einem guten Weg.“

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