Beide wurden in den Nachkriegsjahren aus ihrer Heimat vertrieben. Die Odyssee führte Günter Kautz, der in Preußisch Friedland in Hinterpommern zur Welt kam, über Stettin per Schiff nach Kiel, bevor er schließlich nach Essenrode bei Wolfsburg kam, wo die Großeltern warteten.
Auch Gisela Kautz, geboren im schlesischen Glatz, musste 1946 ihre Heimat verlassen. Sie zog mit ihren Eltern und drei Geschwistern zunächst ins Aufnahmelager Friedland, bevor die Familie nach Wendhausen bei Braunschweig weiterzog. Ende 1949 fand Gisela eine Anstellung beim Baron von Lüneburg in Essenrode.Dort trafen die beiden aufeinander. Günter Kautz lebte damals im Schloss des Barons von Lüneburg, wo Gisela tätig war. Aus den täglichen Begegnungen entwickelte sich eine tiefe Zuneigung. „Eines Abends nahm er mich in den Arm und küsste mich“, erzählt Gisela Kautz schmunzelnd. Auch heute noch kann sie sich genau an diesen Augenblick erinnern.
Im vergangenen Jahr überraschte Sohn Detlef seine Eltern mit einer Reise an den damaligen Ort des Geschehens. „Genau an der Stelle haben wir uns 75 Jahre später wieder geküsst“, erzählt Gisela Kautz gerührt. „Diese Reise in die Vergangenheit war etwas ganz Besonderes“, ergänzt ihr Ehemann. 1949 begann Günter Kautz seine Lehre als Karosseriebauer bei Volkswagen in Wolfsburg und gehörte 1956 zu den „Pionieren“ im neu eröffneten VW-Werk in Hannover-Stöcken. Gisela Kautz war unter anderem bei Bahlsen und Telefunken tätig und arbeitete bis zu ihrer Rente beim Landesverwaltungsamt.
Das Paar zog 1961 in eine Dreizimmerwohnung in Hannover-Linden. Zuvor hatten beide bei den Schwiegereltern in Wendhausen und Wolfsburg gewohnt. 1974 kauften sie ein Haus in Sorsum, das sie als Rohbau erwarben. Günter Kautz erinnert sich noch gut an den Umzug: Am 7. Juli 1974, als die deutsche Fußballnationalmannschaft das WM-Endspiel gegen die Niederlande mit 2:1 gewann, schloss ein Freund des Sohnes erst mal schnell den Fernseher an, um das Spiel sehen zu können – „das musste sein“, so Kautz.
Heute lebt das Ehepaar nach wie vor in diesem Haus. Aus ihrer Ehe gingen zwei Söhne hervor, geboren 1956 und 1966. Sechs Enkelkinder und eine Urenkelin bereichern inzwischen ihr Leben.
Wenn man sie nach dem Geheimnis ihrer langen, glücklichen Ehe fragt, antworten beide einhellig: „Wir haben uns immer mit Respekt behandelt, hatten kaum Streit und sind immer Hand in Hand durchs Leben gegangen.“ Gemeinsame Reisen – früher in die Berge nach Österreich, später auch Fernreisen – gehörten stets zu ihrem Leben dazu.
Trotz ihres hohen Alters sind die beiden erstaunlich aktiv. Sie versorgen sich weitgehend selbst, wobei Sohn Detlef und Schwiegertochter Caroline beim Einkaufen helfen. Im Haushalt werden sie von Nachbarin Katharina unterstützt, die Gisela Kautz liebevoll ihre „Zauberfee“ nennt.
Geistig fit halten sie sich durch tägliches Puzzeln, und auch ihre Technikaffinität ist bemerkenswert: Ohne iPad geht bei ihnen kaum etwas. Sohn Detlef beschreibt seine Mutter scherzhaft als Person mit „Alters-ADHS“: „Sie kann nicht ruhig sitzen, ist immer in Bewegung.“
In der kleinen Dorfkapelle von Sorsum erneuerte das Paar sein Ehegelöbnis. Am Wochenende wird im Familienkreis gefeiert.