„In diesem Zimmer bin ich geboren“
Ein Verein saniert die Alte Schule in Holtensen – und braucht dafür weiterhin Spenden.

Hier stand seine Wiege: Kurt Klose ist in der Alten Schule in Holtensen zur Welt gekommenFoto: Annika Langhorst
Barsinghausen. Mitten in Barsinghausen-Holtensen steht ein Gebäude, das wie kaum ein anderes die Geschichte des Dorfes in sich trägt: Die denkmalgeschützte Alte Schule ist 155 Jahre alt. Lange war sie dem Verfall preisgegeben, derzeit wird sie umfassend saniert. Ziel ist es, das historische Gebäude wieder für die Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Gekauft hat es der Freundeskreis Alte Schule Holtensen. Der Verein treibt das Projekt mit großem Engagement voran. Bis 2028 soll der Umbau abgeschlossen sein.

„Die Idee schlummerte schon seit Jahrzehnten“, sagt Gerald Schroth vom Vereinsvorstand. „Es gibt eine Vision, wo wir hinwollen.“ Lange sei das Gebäude ein Schandfleck gewesen, allerdings erbaut von einem bekannten Architekten. Gemeint ist Conrad Wilhelm Hase, der in der Region zahlreiche Gebäude entworfen hat. In Hannover prägt Hases Handschrift das Stadtbild durch Gebäude wie das Alte Rathaus, das Künstlerhaus in der Sophienstraße und die Christuskirche in der Nordstadt. Die Alte Schule in Holtensen ist dabei etwas Besonderes, denn sie befindet sich noch weitgehend im Originalzustand.

Schon jetzt hat das Projekt neue Gespräche und Begegnungen im Dorf angestoßen. „Es ist schön, wie Geschichten hier zusammengetragen werden“, sagt Schroth, der selbst in Holtensen geboren ist. Vieles lasse sich zudem nachlesen, denn der Freundeskreis ist im Besitz vieler Dokumente und Bücher.

Wie wichtig die Alte Schule für viele Holtenser ist, zeigen die Erinnerungen derjenigen, die hier gelernt oder gelebt haben. Hermann Helmerding, Jahrgang 1943, kennt die Dorfschule noch aus seiner Kindheit. „In der Schule wurden damals 53 Kinder in einer Klasse unterrichtet, heute undenkbar“, erzählt er. Auch an manche Rituale erinnert er sich noch gut: So gab es aus den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser manchmal etwas zu essen. „Wenn eine der Frauen am Fenster Essen ausgeteilt hat und man es mitbekam, ist man schnell hin“, sagt Helmerding lachend.

Während er erzählt, lässt Helmerding den damaligen Schulalltag und prägende Persönlichkeiten Revue passieren. „Herr Elbe? Den hatte ich auch“, ruft plötzlich Kurt Klose dazwischen: „Habt ihr bei dem auch gesungen?“„Ja“, antwortet Helmerding, „und wenn er uns ärgern wollte, hat er sein Hörgerät leiser gemacht.“ Doch es gibt auch dunklere Erinnerungen. „Damals haben die Lehrer noch geschlagen“, sagt Klose. Er hat eine ganz besondere Verbindung zu dem alten Schulgebäude: Er wurde dort 1952 geboren. Seine Familie bewohnte damals zwei Zimmer in der oberen Etage. Der eine Raum diente als Schlafzimmer, der andere als Wohnküche. Kloses Eltern waren nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge aus Schlesien nach Holtensen gekommen. Anfangs hätten sie in einem umgebauten Schweinestall gewohnt. Später zogen sie mit ihren beiden Kindern in die Alte Schule.

„Meine Eltern hatten als Flüchtlinge nichts und wurden auch nicht sehr freundlich empfangen“, erinnert sich Klose. Sie seien nach der Ernte über die Felder gegangen, um Reste zu sammeln und etwas zu essen zu haben. „Sie lebten am totalen Existenzminimum.“ Umso größer sei die Freude gewesen, wenn Flüchtlinge eine Unterkunft fanden. Klose wird sentimental, wenn er sieht, dass sein Geburtshaus eine neue Zukunft bekommt. „Ich bin jetzt erst das zweite Mal nach meinem Auszug wieder hier. Das letzte Mal war beim Tag des offenen Denkmals. Als Kind kam mir alles viel größer vor“, sagt er. Die Schule sei für ihn mit positiven Emotionen verknüpft. „Sie bedeutet Zuflucht und Heimat.“

Besonders gern denkt Klose an einen Baum vor seinem damaligen Zimmerfenster zurück. „Diese große Eiche hat mich sehr beeindruckt, ich habe sogar Gedichte über sie geschrieben.“ Holtensen sei ein Paradies für Kinder gewesen: Wald, Gruben, viel Raum zum Entdecken.

Die Planung der Sanierung ist reibungslos verlaufen. Überraschende Entdeckungen oder unerwartete bauliche Probleme blieben aus. Das liegt auch daran, dass sich der Freundeskreis intensiv mit dem Objekt auseinandergesetzt hat. Sogar die Leibniz Universität Hannover hatte es untersucht. „Wir wussten daher ganz genau, welche Herausforderungen es hat“, sagt Schroth. Unterschätzt habe er allerdings etwas anderes: „Die Bürokratie und die ganzen Antragstellungen, die Zeit kosten.“ Auch die Suche nach Ehrenamtlichen gestaltete sich schwierig.

Im ersten Schritt muss nun vor allem Geld gesammelt werden. Für das Gesamtziel von 700.000 Euro fehlen aktuell noch rund 300.000 Euro. Die erste Bauphase sieht vor, das Dach und die Außenhaut zu sanieren. Dabei war es nicht einfach, Maurer und Dachdecker zu finden, die die Arbeiten zu einem bezahlbaren Preis übernehmen. Inzwischen sind die Aufträge jedoch vergeben, und sobald das Wetter es zulässt, sollen die Handwerker starten. Langfristig soll die fertig umgebaute Schule von der Lebenshilfe genutzt werden.

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