Mit 99 Jahren immer noch am Zug
Rekordhalter im Schach: Günter Heimberg aus Wennigsenist Deutschlands ältester aktiver Turnierspieler

Rekordhalter mit Bundesverdienstkreuz: Der 99-jährige Günter Heimberg aus Wennigsen ist Deutschlands ältester aktiver Turnierschachspieler.Foto: Ingo Rodriguez
Wennigsen. Aus seiner bewährten Eröffnung macht Günter Heimberg kein Geheimnis: „Ich setze mit Weiß immer zuerst den Bauern vor dem linken Läufer von C2 auf C4“, verrät der 99-jährige Schachsportler aus Wennigsen seine Startstrategie. Am Vorabend hatte ihn dieser Auftaktspielzug nicht vor einer Niederlage bewahrt: Im Kreisligapunktspiel des Schachklubs Wennigsen unterlag Heimberg nach einer viereinhalbstündigen Partie gegen einen „etwa 50-Jährigen“, wie er berichtet. Richtig „geärgert“ hat ihn das zwar nicht. „Ich bin die Partie aber nachts noch dreimal im Kopf durchgegangen“, räumt der rüstige Senior ein.

Heimberg ist im Alter von 99 Jahren immer noch regelmäßig am Zug. Seit wenigen Wochen ist er der älteste aktive Turnierspieler in Deutschland. Beim Seniorenturnier im hessischen Bad Soden-Salmünster errang er im November in der Kategorie ab 90 Jahren den dritten Platz, ist jetzt neuer Altersrekordhalter. „Ich habe 100 Euro gewonnen und eine Urkunde bekommen“, sagt Heimberg. Vielmehr habe ihn aber der Titel für den ältesten aktiven Turnierspieler gereizt. Die Kategorie „Ü90“ sei vom Schachverband neu eingeführt worden.

Heimberg löste mit seiner Teilnahme an dem Wettbewerb einen 96-jährigen Schachsportler aus Hessen als ältesten aktiven Turnierspieler ab. Darüber wird auch auf der szenebekannten Internetseite www.schachkicker.de berichtet. Der Rekordhalter Heimberg ist immer noch vielen Jüngeren einen Zug voraus. Weil sich für die „Ü90“-Kategorie in Bad Soden-Salmünster nur fünf Teilnehmende angemeldet hätten, habe jeder auch Partien gegen Mitglieder aus einer jüngeren Altersklasse spielen müssen, berichtet er. In seinem Spiel gegen einen deutlich jüngeren Gegner habe dieser nach 71 Zügen aufgeben müssen.

Der 99-Jährige wurde für das siebentägige Turnier von Tochter Elisabeth (67 Jahre alt) und Schwiegersohn Manfred Nolte zum Austragungsort mit nahegelegenem Hotel gebracht – und nach der Siegerehrung wieder abgeholt. Für Heimberg stehen auch an jedem Freitag in der Bredenbecker Scheune die Übungsabende des Schachklubs Wennigsen auf dem Programm. Heimberg war 1949 Mitbegründer, mehr als 60 Jahre lang Vorsitzender und ist bis heute stellvertretender Chef des rund 25 Mitglieder zählenden Vereins. „Ich bin seit 75 Jahren im Vorstand“, sagt er.

Wegen seiner ehrenamtlichen Verdienste wurde er längst zum Ehrenmitglied des Schachklubs ernannt. Im Jahr 2013 sei ihm wegen seines langjährigen Engagements auch das Bundesverdienstkreuz verliehen worden, berichtet der 99-Jährige und zeigt stolz die Auszeichnung. „Das Schachspielen habe ich von meinem Vater gelernt“, sagt Heimberg. Er ist in Hannover geboren und aufgewachsen. Nach dem Krieg sei er in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Im Gefangenenlager habe er mit weiteren Inhaftierten ein Schachspiel geschnitzt, um regelmäßig den Denksport zu betreiben. „Sonntags haben wir auch mit der russischen Wachmannschaft Schach gespielt“, erzählt Heimberg.

Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft landete Heimberg in Wennigsen. Seine Eltern waren inzwischen an den Deister umgezogen. In Wennigsen lernte der ausgebildete Technische Zeichner auch seine kürzlich gestorbene Ehefrau Bernhardine kennen. Heimberg schulte später auf den Maurerberuf um, absolvierte auch noch eine Ausbildung zum Justizassistenten und war im Landgerichtsbezirk Hannover als Gerichtsvollzieher tätig.

Seit 1965 lebt er im eigenen Haus in Wennigsen. Zur Familie zählen außer Tochter Elisabeth und Schwiegersohn Manfred auch Sohn Thomas und Schwiegertochter Heike sowie vier Enkel- und acht Ureinkelkinder.

Für den Schachklub Wennigsen spielte der Mitbegründer vor einigen Jahren mit einer Mannschaft noch in der Verbandsliga. Jeweils 1993 und 1994 sei er außerdem bei den Deutschen Seniorenmannschaftsmeisterschaften für ein Niedersachsen-Team angetreten. „Als Einzelspieler habe ich im Seniorenschach einmal die Bezirksmeisterschaft gewonnen“, erzählt Heimberg. Seit seiner Pensionierung nehme er in jedem Jahr an Seniorenturnieren teil. Auch zuhause ist er regelmäßig am Zug: „Manchmal spiele ich auch am Schachcomputer.“

Ansonsten bleibt ihm digitaler Freizeitstress erspart: Er besitze kein Smartphone, lediglich ein Handy zum Telefonieren, versichert Heimberg, der selbstredend auch beim TSV Wennigsen das älteste Mitglied ist. Er hat im Ruhestand noch einen Übungsleiterschein für Orthopädie gemacht und nimmt weiterhin an Übungsabenden der Seniorensparte teil. „Bewegung“ – so beschreibt Heimberg gut acht Monate vor seinem 100. Geburtstag auch sein Rezept für ein langes Leben. Unter anderem fahre er täglich drei Kilometer auf seinem Fahrrad-Heimtrainer.

Auf den Denksport bei seinem Schachklub wird er in Kürze ausnahmsweise für einen Freitag verzichten: Gemeinsam mit Tochter Elisabeth und Schwiegersohn Manfred geht es für eine Woche auf Kreuzfahrt nach Dänemark und Norwegen.

Druckansicht