Zu schade für die Tonne
Wo Ausrangiertes eine neue Chance bekommt: Ein Januartag auf dem Wertstoffhof Barsinghausen, der Endstation für vermeintlich Nutzloses

Auf dem Wertstoffhof in Barsinghausen: Sascha Gaite und seine Kollegen packen auch gern mit an, damit beim Ausladen alles etwas schneller geht.Foto: Annika Langhorst
Barsinghausen. Schnee fällt an diesem Januartag in Barsinghausen. Und Kälte kriecht durch die Kleidung. Viele Leute bleiben an so einem Tag am liebsten zu Hause. Doch auf dem Wertstoffhof in Barsinghausen herrscht geschäftiges Treiben: Im Januar beginnt für etliche Barsinghäuser das große Ausmisten.

Einer, der sie fast alle kennt, ist Sascha Gaite. Seit anderthalb Jahren arbeitet er auf dem Wertstoffhof. Freundlich, aufmerksam, immer in Bewegung – geduldig erklärt er, was hier überhaupt angenommen wird: Altpapier, Leichtpapier, Weißglas, Altkleider und Restmüll. Kurz nach Weihnachten wird vor allem das gerne entsorgt: alter Baumschmuck, Kugeln, Lichterketten, Lametta. Die Reste der festlichen Zeit landen kistenweise in den Containern.

Auch altes Spielzeug und Dekoartikel werden häufig abgegeben. Doch diese Sachen verschwinden nicht einfach im Müll. Der Wertstoffhof arbeitet mit dem Sozialen Kaufhaus Barsinghausen zusammen. Ein- bis zweimal pro Woche wird das gesammelte gut erhaltene Spielzeug abgeholt und dann weitergegeben. Dinge, die andernorts ausgedient haben, bekommen so ein zweites Leben.

Eine zweite Chance gibt es hier auch für Elektroschrott. Dieser wird für die KGS Goetheschule gesammelt. Schüler lernen dann am sogenannten Aussortierungstisch, wie Elektroschrott richtig getrennt wird. Zusätzlich erhalten sie alte Werkzeuge, Kabel und weitere Elektronik für ein Umweltprojekt, mit dem sie sogar schon den ersten Platz beim sogenannten E-Waste Race abgeräumt haben.

Fragt man Gaite nach dem Kuriosesten, das ihm und seinen Kollegen auf dem Wertstoffhof unter die Hände kam, muss er nicht lange überlegen: Aktbilder, selbst designte Möbelstücke, kuriose Kunstwerke. In jüngerer Zeit waren aber auch vermehrt Waffen und ähnliche Dinge dabei: Schlagstöcke, Patronen, Messer. Selbst Handschellen der Polizei gehörten dazu. Ein Erlebnis ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Kunde wollte seinen toten Hund, verpackt in einem Sack, entsorgen.

Doch nicht alles Außergewöhnliche ist derart schockierend. Manches macht Gaite schlicht fassungslos. „Das sind vorwiegend Antiquitäten und Dekoartikel, aber auch neuwertige Möbel, die hier landen“, sagt er. „Die Leute haben keine Muße, sich mit Verkaufsplattformen auseinanderzusetzen“, sagt er. Dabei gebe es so viele Bedürftige. „Schade, dass so viel Gutes weggeschmissen wird.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Kunde mit einer kompletten Drachenskulptursammlung. Bei einem Drachen war ein Flügel abgebrochen. „Da musste dann die ganze Sammlung dran glauben. Der Mann erklärte, dass er sich eine neue, identische Sammlung kaufen wolle.“ Gaite schüttelt den Kopf. „Wir sind eine Wegwerfgesellschaft“, sagt er.

Auf dem Wertstoffhof gelten klare Regeln: pro Haushalt nur ein Besuch am Tag, und in fünf bis zehn Minuten sollte man fertig sein. Ein Wunsch liegt Gaite am Herzen: „Es wäre schön, wenn die Leute ihre Sachen schon vorsortieren. Dann würde hier alles schneller und flüssiger klappen.“

Er selbst sei am Ende eines Tages nicht von der Arbeit erschöpft, sondern vom vielen Diskutieren. „Wir müssen den Menschen immer wieder erklären, warum wir gewisse Dinge nicht annehmen und keine Ausnahmen machen – auch nicht für Geld.“ Bestechungsversuche habe es schon viele gegeben, Hausverbote ebenso. Menschen, die in Container klettern, um Schrott zu durchforsten, seien keine Seltenheit, vor allem Sperrmüll und Holz seien begehrt.

An diesem Januartag verläuft jedoch alles ruhig. Die Besucher des Wertstoffhofs halten sich an die Regeln, der Umgang ist freundlich, niemand stellt etwas infrage. Das liegt nicht zuletzt an Gaite und seinen Kollegen. Sie begrüßen jeden Kunden herzlich, helfen beim Ausladen und packen mit an.

Gaite eilt einer älteren Dame entgegen, die er schon am Tor des Hofes erspäht hat. „Das ist eine ganz Liebe, die räumt gerade ihre Wohnung aus“, sagt er. Die betagte Frau kommt mit einem riesigen Koffer und einem ebenso großen Pappkarton. Gaite nimmt ihr beides ab. „Ich komme dann noch ein paarmal“, sagt sie mit einem Lächeln.

Thomas Schreibmüller aus Barsinghausen nutzt den Samstag, um Altpapier zu entsorgen. „Das hätte ich ohnehin weggebracht, es ist kein spezieller Vorsatz zum neuen Jahr“, erklärt er lächelnd. „Aber ein- bis zweimal im Monat versuche ich schon auszumisten.“ Ein paar nette Worte werden mit Gaite gewechselt, dann ist er auch schon wieder weg. Der nächste Kunde lässt nicht lange auf sich warten. Steven Purfürst aus Langreder hat allerlei verschiedene Dinge dabei. „Mir fällt es nicht schwer auszumisten“, sagt er. Gaite hilft ihm dabei, alles richtig zu entsorgen.

Kurz darauf rollt Dirk Narten aus Groß Goltern mit einem Sprinter auf den Hof. Darin sind mehrere Katzenkratzbäume. Narten feierte am 24. Dezember seinen 50. Geburtstag – offenbar ein Anlass, um Platz zu schaffen.

Gaite hat fast Feierabend und zieht ein Resümee: „Die Leute sind nicht gewohnt, ihr Müllverhalten zu überdenken“, sagt er. „Und vielleicht mal das ein oder andere zu reparieren, statt es wegzuschmeißen.“

Der Wertstoffhof als ein Spiegel unserer Gesellschaft? Jedenfalls wird hier aufgezeigt, wie schnell wir loslassen und wie selten wir Dingen eine neue Chance geben.

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