„Das ist mein Traumberuf“, sagt Meyer entschieden. Als Mann ist er in dieser Berufsbranche auch auf einer größeren Ebene allein unter Frauen: Der Regionalverband Leine-Weser des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) betreibt außer der Kita Baschelino noch fünf weitere Kitas. Einen weiteren Mann gibt es im Kreis des insgesamt rund 50-köpfigen Betreuungspersonals nicht. „Das sind alles Frauen“, berichtet Baschelino-Leiterin Charline Pridöhl.
Als Außenseiter fühlt er sich keineswegs: Nur anfangs sei es ungewohnt gewesen, von Elternteilen gelegentlich als „Hahn im Korb“ bezeichnet zu werden, sagt der sozialpädagogische Assistent und grinst.
Inzwischen sieht er sich als wichtige Ergänzung im Kreis seiner Kolleginnen und als beliebte Ansprechperson für die Baschelino-Kinder. Das kann Kita-Leiterin Pridöhl bestätigen. „Für viele Jungen ist er der Hauptansprechpartner.“ Offenbar gehen auch die Kinder mit dem einzigen männlichen Betreuer anders um. „Viele Jungs sprechen mich zum Beispiel auf Sportthemen oder auf Ballspiele an“, sagt er. Was die Jungen offenbar ebenfalls an ihm schätzen: „Im Ordnungsbereich bin ich etwas lockerer“, so Meyer.
Meyer hat sich mit seinem Job einen Jugendtraum erfüllt. Er ist in Pattensen auf dem landwirtschaftlichen Hof seiner Eltern aufgewachsen. Wegen logopädischer Probleme besuchte er zunächst einen Sprachheilkindergarten und machte 2017 an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache seinen Realschulabschluss. „Ich konnte Wörter nicht richtig aussprechen, aber das hat sich durch die Schule sehr verbessert“, erzählt der junge Mann.
Initialzündung für seinen Berufswunsch sei ein Schulpraktikum gewesen. Seine Klassenlehrerin habe ihm wegen seiner offenbar guten Sozialkompetenzen ein Kita-Praktikum in Pattensen empfohlen. „Dort bin ich dann komplett aufgeblüht“, erinnert sich Meyer. Er habe die Aufgaben gar nicht als Arbeit empfunden. „Mit Kindern malen, spielen und basteln. Später durfte ich auch den Morgenkreis leiten“, erzählt er.
Die Erfahrungen während des Praktikums waren prägend. „Die Offenheit und Ehrlichkeit der Kinder hat mich fasziniert“, sagt der 26-Jährige. Er habe schnell gemerkt: „Was ich den Kindern an Aufmerksamkeit und sozialer Zuwendung gebe, bekomme ich doppelt und dreifach zurück.“
Fortsetzung auf Seite 5Trotzdem schlug Meyer nach dem Realschulabschluss zunächst einen anderen Weg ein: Schon als Neuntklässler sei ihm als Förderschüler von vielen Seiten ein sozialer Beruf nicht zugetraut worden – wegen angeblich unzureichender Sprachfähigkeiten. Nach dem Schulabschluss habe ihn dann seine damalige Freundin wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten zu einer Ausbildung als Metallmechatroniker überredet. Diese Lehre brach Meyer nach einem Jahr ab. „Das hat mir keinen Spaß gemacht“, so der 26-Jährige.
Also erinnerte sich der junge Mann an seinen Jugendwunsch und begann 2018 an der Alice-Salomon-Schule in Hannover-Kleefeld eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten. Ab 2020 arbeitete er als Springer für eine Zeitarbeitsfirma in wechselnden Kitas – und landete in einer ASB-Kita in Rodenberg. Weil er dort von Plänen berichtete, auch noch eine Ausbildung zum Erzieher zu absolvieren, bewarb sich Meyer auf Anraten bei den Baschelinos.
Es war für alle Beteiligten ein Glücksgriff: Um sich gemeinsam mit seinen acht Kolleginnen um die Baschelino-Kinder zu kümmern, fährt Meyer täglich rund 50 Kilometer mit dem Auto aus Pattensen-Hüpede nach Barsinghausen und zurück. In Hüpede wohnt der inzwischen verheiratete Mann mit seiner Frau.
Seine Aufgabe in der ASB-Kita erfülle ihn mit Zufriedenheit, betont der 26-Jährige. Sein Spezialgebiet: Bewegungsaktionen mit den Vorschulkindern. Einmal pro Woche leitet Meyer auch im Morgenkreis pädagogische Mitmachaktionen. „Wenn ich morgens die Kinder empfange, geht mir das Herz auf, weil sie so viel Herzlichkeit ausstrahlen“, sagt er. Im Kita-Alltag sei er aber nicht nur der verständnisvolle Kumpel. Er könne auch sehr bestimmt auftreten. „Es ist wichtig, Kindern Grenzen aufzuzeigen.“
Bei den Baschelinos will Meyer auch im Teilzeitmodell weiterarbeiten, wenn er mittelfristig seine Erzieherausbildung absolviert. Sein Zukunftstraum: „Ich will eine Kita auf dem elterlichen Bauernhof errichten – mit vielen Tieren, in einer natürlichen Umgebung“, erzählt der 26-Jährige.
Es geht nicht um „typisch Mann“
Die Leiterin der Kita Baschelino, Charline Pridöhl, hält männliches Betreuungs- und Erziehungspersonal grundsätzlich für einen wichtigen Baustein im Kita-Betrieb: „Kinder, Teams und die Gesellschaft profitieren insgesamt von mehr männlicher Präsenz in der frühkindlichen Bildung“, sagt sie. Diese Präsenz bereichere das gesamte Team und erweitere außerdem die kindlichen Beziehungserfahrungen. „Männer in Kitas sind wichtig, weil sie Kindern vielfältige männliche Vorbilder bieten, die für eine geschlechtergerechte Entwicklung notwendig sind“, berichtet Pridöhl. Männliche Kollegen seien geeignet, um andere Perspektiven und Herangehensweisen in den pädagogischen Alltag zu bringen. „Sie erweitern auch das Angebot an Aktivitäten, insbesondere im Bereich Sport oder Werken“, so die Kita-Leiterin. Was Pridöhl ebenfalls herausstellt: „Männliche Kollegen werden von Kindern mitunter ernster genommen und können gut dabei unterstützen, die Selbstständigkeit der Kinder zu fördern.“ Ein Mann im Kita-Team könne andere Impulse setzen, etwa im Umgang mit Konflikten, beim Spielverhalten oder in der Gestaltung von Alltagssituationen. Dabei gehe es nicht um „bessere“ oder „typisch männliche“ Methoden, sondern vielmehr um eine breitere Vielfalt an Zugängen, von der Kinder und Kolleginnen gleichermaßen profitierten.