Eva Kiene-Stengel macht gar kein Hehl daraus, dass ihr politisches Engagement zeitaufwendig war. Es sei ein Leben zwischen politischen Terminen, beruflichen Anforderungen und den Bedürfnissen der Familie gewesen. „Kind, Job und das Rathaus standen im Mittelpunkt“, sagt sie. Einiges sei in dieser Zeit zu kurz gekommen, gibt sie zu. Sie sei froh, dass ihre kommunalpolitische Arbeit von ihrem Mann mitgetragen worden sei. „Sonst wäre es nicht möglich gewesen“, sagt die 74-Jährige, die bis 2016 als Medizintechnologin an der MHH gearbeitet hat.
Ihr politisches Engagement beginnt Ende der 1970er Jahre. Eva Kiene-Stengel, die in Gehrden aufwächst und 1971 am Matthias-Claudius-Gymnasium ihr Abitur ablegt, schließt sich der Friedensgruppe an. Auslöser ist der Nato-Doppelbeschluss, mit dem die Aufstellung von Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen in Westeuropa angekündigt wurde. Treffpunkt der Gruppe sei das ehemalige Evangelische Jugendzentrum an der Alten Straße gewesen. Auch Pastoren wirken in der Gruppe mit.
Als 1982 Vertreterinnen und Vertreter für den Kirchenvorstand gesucht werden, lässt sich Eva Kiene-Stengel breitschlagen – und wird berufen. Bis 1988 sitzt sie in dem Gremium und lernt unter anderem Helga Otto kennen. „Sie sagte zu mir, dass ich doch viel besser in der Politik aufgehoben wäre“, berichtet Eva Kiene-Stengel, die 1984 den Grünen beigetreten ist.
Ein Anreiz, der sie motiviert. „Ich wollte was bewegen“, sagt sie. Und so kandidiert sie 1991 bei der Kommunalwahl und wird gemeinsam mit Henning Otto und Ute Hoffmann in den Rat gewählt. „Ich war völlig unerfahren, und ich war es auch nicht gewohnt, vor Menschen zu reden“, erzählt sie.
Das wird sich schnell ändern. „Mich hat die politische Arbeit selbstsicherer und mutiger gemacht“, meint sie heute. Sie habe gelernt, sich durchzusetzen und sich für ihre Ziele und ihre politische Überzeugung einzusetzen. „Ich wollte Dinge auf den Weg bringen“, so Eva Kiene-Stengel. Das sei nicht immer einfach gewesen; es habe oft Vorbehalte gegen grüne Politik gegeben. Doch sie bleibt bei Themen, die ihr wichtig sind, unnachgiebig, hartnäckig und beharrlich, trotz politischem Gegenwind und Widerständen.
Mit dem Erreichten ist sie dennoch zufrieden. Ob Klimaschutzkonzept, ökologische Bauleitplanung oder zuletzt KfW-40-Standard im Wohnquartier Vorwerk-Gelände – „das haben wir auch gegen Widerstände durchgesetzt“. Und: „Ich habe auch gelernt, zuzuhören.“
Kiene-Stengel gesteht aber: Es sei oft frustrierend gewesen, wenn Anträge der Grünen von den anderen Ratsfraktionen abgelehnt worden seien. „Es fehlte vielen Ratsmitgliedern die Weitsicht bei Themen wie Klimaschutz und die damit verbundenen Auswirkungen für die nächsten Generationen“, so die 74 Jährige. Das habe sich erst in jüngster Vergangenheit geändert.Sie habe all die Jahre versucht, sie selbst zu sein, meint Eva Kiene-Stengel, die 2006 sogar als Bürgermeisterkandidatin der Grünen nominiert wird. 9,6 Prozent der abgegebenen Stimmen bekommt sie. Mehr als erwartet.
Doch es gibt auch Ereignisse, die sie im Nachgang anders bewertet. Von 1996 bis 2016 ist sie Fraktionsvorsitzende der Grünen, dann übernimmt Heinz Strassmann. Ein Wechsel, der laut Kiene-Stengel keineswegs freiwillig gewesen sei. „Das würde ich heute nicht mehr so einfach hinnehmen“, betont sie. Überhaupt: Veränderungen im politischen Miteinander haben bei ihrem Rückzug eine Rolle gespielt. Eines lehnt sie im politischen Alltag grundsätzlich ab: Selbstdarstellung, Eitelkeiten und Machtgehabe. „Darauf hatte ich nie Lust“, meint sie. Die Ratsmitglieder seien schließlich von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt worden, um Lösungen für die jeweilige Kommune zu suchen und zu finden.
Noch etwas habe sie in den vergangenen Jahren gestört: Früher sei um die Sache gestritten worden, und anschließend habe man zusammengesessen. „Das gibt es heute so nicht mehr.“ Ein Zeitgeist, findet sie.
Unabhängig davon habe ihr die Kommunalpolitik viel gegeben. „Ich habe Menschen getroffen, die mir wichtig geworden sind“, erzählt sie. Sie sei zudem froh, so lange die Stadt, in der sie lebe, mitgestaltet zu haben. Das sei etwas, was ihr künftig fehlen werde, gibt sie zu. Andererseits sei es jetzt auch an der Zeit, dass Jüngere Verantwortung übernehmen.
Und nun? „Ich bin fertig und mit mir im Reinen“, sagt sie schmunzelnd. Sie freue sich jetzt darauf, mehr Zeit für ihre Hobbys und ihre vier Enkelkinder zu haben, aber auch darauf, losgelöst von irgendwelchen parteipolitischen Zwängen die Gremien zu verfolgen. Eines kündigt Eva Kiene-Stengel an: „Ich werde mich auch in Zukunft nicht heraushalten und sagen, was ich denke.“ Langweilig, das bekräftigt sie, werde ihr in Zukunft nicht sein.