Fast 20 Jahre lang betrieben Einwohnerinnen und Einwohner in Lenthe gemeinsam ihr eigenes Wärmenetz. Die benachbarte Biogasanlage lieferte ihnen die Wärme kostenlos. Nun endet das Bürgerprojekt: Weil die Anlage Ende 2026 ihre Produktion einstellt, benötigt nun jeder angeschlossene Eigentümer wieder eine eigene Heizlösung. Der Verein wird Ende September aufgelöst. Versorgt werde aber weiter, bis auch der letzte angeschlossene Haushalt eine neue Heizung hat – voraussichtlich spätestens bis zum Jahresende.
Begonnen hatte alles 2006. Die damals neue Biogasanlage produzierte Strom – und große Mengen Wärme. Schon im August berichteten HAZ und Neue Presse über den ungewöhnlichen Deal: Die Betreiber wollten angeschlossenen Haushalten 20 Jahre lang kostenlos Wärme liefern. Dafür mussten die Interessenten das Wärmenetz selbst finanzieren.
Im September wurden bereits Leitungen durch Lenthe verlegt. Damals investierte der Verein rund 200.000 Euro in Bau und Betrieb des zunächst 800 Meter langen Netzes für 19 Haushalte. Rechnerisch erwartete der damalige Vereinsvorstand Kosten von 526 Euro pro Haushalt und Jahr. Hinzu kamen die jeweiligen Hausanschlüsse. Für einen üblichen Anschluss mit 15 Kilowatt Leistung seien damals „etwa 10.000 Euro fällig geworden“, erinnert sich der Vereinsvorstand Kahlert.
Die kostenlose Wärme war kein Geschenk ohne Gegenleistung. Die Wärme entstand ohnehin bei der Stromproduktion und ihre Nutzung war zugleich für die Betreiber im damaligen EEG-System wirtschaftlich interessant. Das Modell lohnte sich für beide Seiten: Mitbetreiber Jakob von Richthofen spricht rückblickend von einer „Win-win-Situation“.
Kostenlos war allerdings nur die Wärme. Pumpenstrom, Wartung und Reparaturen bezahlten die Mitglieder selbst. Hinzu kamen die Anfangsinvestitionen – und viel ehrenamtliche Arbeit. Denn wenn im Winter die Wärme ausfiel oder eine Leitung undicht war, musste der Verein reagieren.
Kahlert schätzt, mindestens 200 Stunden ehrenamtlich in das Netz gesteckt zu haben. In einem besonders schwierigen Jahr seien es allein 600 bis 700 gewesen. Die Rede von kostenloser Wärme nennt er deshalb rückblickend eine „Bauernrechnung“. Berücksichtige man Investitionen, Reparaturen und Arbeit, sähe die Bilanz anders aus. Für die meisten Mitglieder habe sich das Projekt trotzdem finanziell gelohnt, sagt Kahlert.
Dass die kostenlose Wärmelieferung nach 20 Jahren endet, war von Anfang an vereinbart – genauso wie die garantierte Stromvergütung für die Biogasanlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nun sind beide abgelaufen.
Die Mitglieder des Wärmevereins hatten auf eine Anschlusslösung gehofft, doch die Betreiber haben sich gegen einen Weiterbetrieb entschieden. Technisch wäre er möglich, würde aber Investitionen von vier bis 4,5 Millionen Euro erfordern. Das wirtschaftliche Risiko sei zu groß, sagt von Richthofen.
Auch eine andere zentrale Wärmequelle, etwa eine Hackschnitzelanlage, wurde geprüft. Doch das rund 20 Jahre alte Netz bräuchte selbst Investitionen. Lenthe gehörte zu den frühen Projekten dieser Art, heute würde man manches anders bauen, sagt Kahlert. Das bestehende System habe Wärmeverluste.
Damit wird Wärme wieder zur Angelegenheit jedes einzelnen Eigentümers. Aktuell zählt der Verein laut Kahlert 19 Mitglieder, einige mit mehreren Anschlüssen. Im damaligen Neubaugebiet wechseln die bisherigen Fernwärmekunden auf Wärmepumpen. Die modernen, gut gedämmten Häuser mit Fußbodenheizungen bieten dafür günstige Voraussetzungen. Bei älteren Gebäuden ist es schwieriger. Nach Kahlerts Überblick werden insgesamt ungefähr neun oder zehn Mitglieder künftig mit Wärmepumpen heizen. Zwei Anschlüsse eines älteren Bauernhofes sollen wieder mit Gas versorgt werden, bei anderen sei die Entscheidung noch offen.
Auch von Richthofens Hof soll zunächst wieder mit Gas beheizt werden. Dass nach dem Wegfall regenerativer Abwärme einzelne Gebäude zumindest vorerst wieder fossiles Gas benötigen, sieht er kritisch.
Die Leitungen sollen nach dem Ende des Netzes im Boden bleiben, andere technische Bestandteile müssen abgebaut werden. Für Kahlert verschwindet damit mehr als eine Wärmeversorgung. Durch das Projekt habe er Menschen kennengelernt, mit denen er sonst vermutlich wenig zu tun gehabt hätte. Bei Reparaturen arbeiteten Nachbarn gemeinsam. „Für die Gemeinschaft war es schön“, sagt er.
Rückblickend ist Kahlert immer noch von der Fernwärme überzeugt – aber nicht von diesem Modell. Ein ehrenamtlicher Verein könne Wartung, Reparaturen und Störungen auf Dauer nicht stemmen, dafür brauche es professionelle Strukturen. Seine Bilanz nach 20 Jahren: „Die Mitglieder haben profitiert und gemeinsam etwas aufgebaut – aber zum Nulltarif war das nicht zu haben.“