Lubatschowski begann ihre zweite Schulzeit 2022 mit dem sogenannten Vorkurs, einem Vorbereitungskurs. Nachdem ihre Zeit in der Regelschule schon lange zurücklag, wollte sie erst einmal wieder mit dem Schulsystem warm werden – und schauen, welche Kenntnisse in Mathe, Deutsch oder Englisch noch präsent waren.
Es sei immer ihr Wunsch gewesen, zu studieren, erzählt Lubatschowski. „Auf dem ersten Bildungsweg konnte ich das Abi aus gesundheitlichen Gründen nicht abschließen, und so ist dann der Weg über die Ausbildung entstanden, um erst einmal etwas in der Hand zu haben.“ Auf dem Hannover-Kolleg habe sie ihre Stärken und Interessen dann ganz neu kennenlernen können. Der Besuch ist grundsätzlich schulgeldfrei, da es sich um eine staatliche Einrichtung der Region Hannover handelt.
30, 40 oder 50: In Deutschland gibt es keine gesetzliche Altersgrenze für die Allgemeine Hochschulreife. „Aber natürlich müssen die Lebensumstände dazu passen“, sagt Lubatschowski, die das Abitur am Kolleg in Vollzeit ohne Arbeit nebenbei nachgeholt hat. „Ich hatte das Glück, dass meine Familie mich unterstützen konnte“, sagt sie. Es ist aber auch möglich, eine Unterstützung in Form von elternunabhängigem BAföG zu beantragen. Alternativ kann berufsbegleitend ein Abendgymnasium besucht werden.
„Die Tatsache, dass hier alle älter sind und auch einiges an Lebens- und Berufserfahrung haben, bereichert sowohl den Unterricht als auch das Zusammenleben enorm“, sagt die 28-Jährige. Es sei alles sehr persönlich, auch weil es nur drei Jahrgänge gebe. Sicherlich sei es nicht so einfach, sich wieder in einem schulischen Umfeld zurechtzufinden, wenn die Schulzeit schon länger zurückliegt. „Aber es ist nie zu spät, seine Chancen zu nutzen, sich weiterzubilden und seinen Interessen nachzugehen“, sagt Lubatschowski. Schließlich verbringe man in seinem Beruf einen großen Teil seines Lebens.
Rückblickend macht Lubatschowski jungen Erwachsenen Mut, noch einmal neue Horizonte zu entdecken. Jemandem, der mit dem Gedanken spielt, das Abitur nachzuholen, würde sie empfehlen, es einfach zu versuchen. „Die Möglichkeit, wieder aufzuhören, besteht immer. Aber ich habe auf so vielen Ebenen von dieser Zeit profitiert – auch menschlich –, dass ich diese Erfahrung abgesehen vom Abitur nicht missen möchte.“
Es habe unerwartete Momente gegeben, die sie über den Tellerrand hätten sehen lassen, sagt Lubatschowski – seien es Diskussionen, das Teilen von Erfahrungen oder andere Lebenswirklichkeiten. „So hätte ich zum Beispiel niemals erwartet, dass mir darstellendes Spiel so viel Selbstsicherheit vermitteln kann oder ich doch noch meine Leidenschaft für Mathe entdecke.“ Aber die 28-Jährige muss auch zugeben: „Gerade gegen Ende steigt die Belastung deutlich. Trotz allem bleibt es also eine Herausforderung.“
Nun will sie Geodäsie und Geoinformatik an der Uni Hannover studieren. Im Vergleich zum reinen Mathematik- oder Physikstudium reizt die Wennigserin daran die konkrete Anwendung. Grundstücksgrenzen, präzise Karten für selbst fahrende Autos oder der Meeresspiegelanstieg gehören zu den Anwendungsgebieten. „Das Studium dauert mit Bachelor und Master fünf Jahre. Ganz grob geht es darum, die Erde möglichst genau zu vermessen“, erklärt Lubatschowski. Im Oktober geht es los.