Jugendliche auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben
Sieben Schülerinnen und Schüler nehmen Abschied von der Selma-Lagerlöf-Schule

Chillen auf dem roten Sofa: Britta Hoffmann-Ahlff (von links), Mia, Marcus Pientka, Aitor und Andrea Meiners nehmen sich eine kurze Auszeit.Foto: Heidi Rabenhorst
Empelde. Für sieben Mädchen und Jungen des Abschlussjahrgangs der Selma-Lagerlöf-Schule endet mit der feierlichen Entlassungszeremonie in diesen Tagen nicht nur ihre Schulzeit, sondern auch ein wichtiger Lebensabschnitt. Nach zwölf Jahren an der Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ soll für jeden von ihnen nun der Start in ein selbstbestimmtes Leben folgen.

Um die Jugendlichen bestmöglich auf das Leben nach der Schule vorzubereiten, verbringen sie ihr Abschlussjahr regelmäßig in einer angemieteten Schulwohnung in der Löwenberger Straße. Dort stehen lebenspraktische Fähigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Wäschepflege, Putzen und Haushaltsführung auf dem Stundenplan.

Eine von ihnen ist Mia. Sie lebt mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in Empelde und ist in der Schulgemeinschaft bestens bekannt. Langfristig möchte sie in einer eigenen Wohnung leben, am liebsten in ihrem Heimatort. „Dann kann ich meiner Mutter helfen, wenn sie Unterstützung braucht“, sagt sie.

Auf ihre Schulzeit blickt Mia mit Freude zurück. „Ich habe sehr viel Spaß an der Schule gehabt“, erzählt die 18-Jährige. Dreimal hintereinander wurde sie zur Schülersprecherin gewählt. Die Pausen verbringt sie am liebsten mit ihren Freundinnen und Freunden auf dem Schulhof. Auch musikalisch engagiert sie sich: In der Schulband spielt sie die E-Gitarre. Musik und Mathematik gehörten zu ihren Lieblingsfächern.

Im August beginnt für Mia ein neuer Lebensabschnitt bei den Hannoverschen Werkstätten. Dort wird sie im kreativen Bereich arbeiten. Den Weg dorthin wird sie selbstständig bewältigen – so wie zuletzt schon ihren Schulweg. „Es wird intensiv geübt, selbstständig unterwegs zu sein“, erklärt Förderschullehrerin Andrea Meiners. Mia kennt ihren künftigen Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereits genau und weiß, an welchen Haltestellen sie umsteigen muss.

Dabei ist die Strecke keineswegs kurz. „Das sind mindestens eine Stunde Fahrtzeit pro Strecke“, sagt Meiners. Doch Mia bleibt gelassen: „Das macht mir nichts aus, das schaffe ich.“ Der Satz zeigt, wie viel Selbstvertrauen sie in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Einen anderen Weg schlägt der 17-jährige Absolvent Aitor ein. Ab August will er die Caritas-Förderwerkstätten in Hannover besuchen. Von montags bis freitags wird er mit einem Fahrdienst abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Dort erhält er eine auf seine Bedürfnisse abgestimmte Förderung.

Aitor kann nicht sprechen. Für Meiners steht seine Persönlichkeit umso mehr im Vordergrund. „Aitor hat ein riesengroßes Herz“, sagt sie. „Er gibt jedem die Hand und möchte am liebsten alle umarmen.“ Seine Herzlichkeit mache ihn zu einem beliebten Mitglied der Schulgemeinschaft.

In der Schulwohnung treffen sich die Heranwachsenden jeden Morgen mit den Lehrerinnen Andrea Meiners und Britta Hoffmann-Ahlff sowie dem pädagogischen Mitarbeiter Marcus Pientka. „Wichtig ist es, ihnen eine klare Orientierung und Verlässlichkeit mit auf den Weg zu geben“, sagt Meiners.

Zu Beginn des Tages schauen die Jugendlichen gemeinsam, welche Lebensmittel noch vorhanden sind, und planen, was sie einkaufen möchten. Anschließend verteilen sie die Aufgaben. Die Schulwohnung verfügt über einen Gemeinschaftsraum mit Esstisch, eine Küche, ein Badezimmer sowie zwei gemütlich eingerichtete Aufenthaltsräume, den blauen und den roten Salon.

Manchmal kochen die Jugendlichen ihr Mittagessen selbst und übernehmen sämtliche Arbeitsschritte vom Einkauf bis zum Abwasch. An anderen Tagen besuchen sie das Hauptgebäude der Förderschule am Ententeich in Empelde. Immer geht es darum, praktische Erfahrungen für ein möglichst eigenständiges Leben zu sammeln. Die Jugendlichen lernen dabei, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und ihren Alltag zunehmend eigenständig zu gestalten.

Besondere Höhepunkte sind die gemeinsamen Übernachtungen in der Schulwohnung. Viermal im Jahr bleiben die Schülerinnen und Schüler dort über Nacht. „Das ist immer ein Highlight im letzten Schuljahr“, berichtet Meiners.

Nach zwölf Schuljahren endet für die sieben Absolventen die Zeit an der Selma-Lagerlöf-Schule. Für Andrea Meiners ist es immer wieder spannend zu erleben, wie sich die Jugendlichen entwickelt haben. Sie arbeite mit älteren Schülerinnen und Schülern im Sekundarbereich II. „Mir gefällt dabei der Erwachsenenanspruch“, sagt die Pädagogin.

Die Bedeutung der Schulwohnung wird künftig weiter wachsen. In der Löwenberger Straße entsteht derzeit eine zweite Wohnung. Schon im kommenden Schuljahr soll sie von den neuen Zwölftklässlern genutzt werden. „Die Jugendlichen werden sie einräumen und nach ihren Wünschen gestalten.“

Denn genau darum geht es an der Selma-Lagerlöf-Schule: jungen Menschen Fähigkeiten, Selbstvertrauen und praktische Erfahrungen für ein möglichst selbstbestimmtes Leben mitzugeben. Für Mia, Aitor und ihre fünf ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler beginnt dieser Weg nun außerhalb der Schule – gut vorbereitet auf den nächsten Schritt.

Druckansicht