„Ich wollte es immer schaffen“
Erst Flucht, jetzt Hochschulreife: Nesibe Canan Berk wird bei Abi-Feier ausgezeichnet.Insgesamt entlässt das Hannah-Arendt-Gymnasium 110 Schülerinnen und Schüler – 99 mit dem Abitur.

Eintrag ins goldene Buch der Schule: Darin haben sich alle Abiturientinnen und Abiturienten ab Jahrgang 1997 verewigt. 
Barsinghausen. Nesibe Canan Berk hat es geschafft: Einst war sie Flüchtling – nun hat sie Abitur. Vor sechs Jahren machte sich die 20-Jährige mit ihrer Familie aus der Türkei auf den Weg. Sie konnte kein Wort Deutsch, aber sie biss sich durch. Glücklich nahm sie am Donnerstag bei der Abi-Entlassung des Hannah-Arendt-Gymnasiums (HAG) ihr Abschlusszeugnis in Empfang. Für „hervorragende Leistungen im Zweitspracherwerb und den damit verbundenen Bildungserfolg“ wurde sie ausgezeichnet – und erhielt dafür einen Riesenapplaus bei der feierlichen Veranstaltung.

Schon in der Türkei ging Canan gerne zur Schule. Auch am HAG verlor sie diesen Ehrgeiz nie. „Ich bin in Istanbul geboren. Wir haben in Istanbul gelebt“, erzählt sie. Seit Ende 2020, sagt Canan, sei sie jetzt hier. Die Flucht aus der Türkei hatte politische Gründe. Ihre Eltern waren Teil der Gülen-Bewegung, die sich oppositionell gegen Erdoğan gestützt hat. Seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 wird die Bewegung in der Türkei als terroristische Organisation eingestuft, was zu massiven Verfolgungen ihrer mutmaßlichen Anhänger geführt hat. „Wir hatten immer Angst, wenn jemand an die Tür klopfte, dass das jetzt die Polizei ist“, erzählt sie.

Um erst mal intensiv die neue Sprache zu lernen, besuchte Canan im ersten Jahr am HAG eine Willkommensklasse. Anfangs lief der Unterricht nur digital, wegen Corona. „Meine Motivation, Deutsch zu lernen, war immer hoch“, sagt sie. „Ich wollte es immer schaffen.“ Ihr Tipp: „Ich habe versucht, in meinem Jahrgang kleine Freundschaften zu finden, damit ich mich nicht alleine fühle – und auch, um die Sprache zu verbessern.“ Das habe ihr sehr geholfen. Auch Lehrerinnen und Lehrer hätten sie unterstützt.

„Canan hat so schnell Deutsch gelernt und war fachlich ungeheuer begabt“, erzählt ihr Lehrer Söhnke Post. Jede Minute habe sie genutzt, oft auch zu den undankbarsten Zeiten, sagt er. Freitags habe sie teilweise bis zur elften Stunde in der Schule gesessen, um sich die deutsche Bildungssprache möglichst schnell anzueignen.

Als Fachobmann für Deutsch als Zweit- und Bildungssprache am Hannah-Arendt-Gymnasium betreut Post Schülerinnen und Schüler, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, und hilft ihnen bei der Integration. Momentan gebe es etwa 40 Schülerinnen und Schüler am HAG, die einen Flucht- oder Zuwanderungshintergrund hätten und ohne deutsche Sprachkenntnisse hierhergekommen seien. Früher seien es Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan gewesen, die ans HAG kamen. Jetzt kämen sie meist aus der Ukraine.

Mit ihrem Abiturergebnis ist Canan eigentlich nicht zufrieden, doch beschweren möchte sie sich nicht. Denn auch das hat sie für sich gelernt und akzeptiert: Die Umstände sind nun mal, wie sie sind. „Man muss sich mit der Situation abfinden. Die Noten werden halt schlechter. Man wird nicht immer alles verstehen und manchmal ist alles etwas viel“, sagt sie. Doch sie habe immer versucht, das Beste daraus zu machen.

Canan wählt ihre Worte mit Bedacht. Manchmal sucht sie kurz nach dem richtigen Ausdruck, möchte sich dafür dann beinahe entschuldigen. Dabei spricht sie wirklich gut und verständlich. Am HAG musste die 20-Jährige erst lernen, offen ihre Meinung sagen zu dürfen. Auch die Freiheit bei der Fächerwahl sei etwas, was sie so aus dem türkischen Schulsystem nicht gekannt habe, sagt sie. „Hier in Deutschland kann man nach seinen persönlichen Stärken entscheiden.“ Als Prüfungsfächer im Abitur hatte Canan Kunst, Politik, Mathematik, Englisch und Physik.

Wie es jetzt nach dem Abi bei ihr weitergeht? „Ich weiß noch nicht genau, was ich studieren will. Tatsächlich gehen meine Interessen in unterschiedliche Richtungen“, sagt sie. Kunst interessiere sie. Oder Ingenieurwesen. Oder auch irgendwas in Richtung Literatur. Auch hier unterstützt die Schule noch. Vielleicht käme auch ein Stipendium infrage, sagt Lehrer Post.

Zudem will sich Canan künftig vielleicht politisch engagieren. „Mit meinen eigenen Erfahrungen im Leben möchte ich anderen Menschen helfen“, sagt sie. „Ich fühle Verantwortung für andere Menschen, und politisch engagiert zu sein, könnte dabei helfen, für andere Menschen etwas machen zu können.“



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