Der Ironman, der kaum noch laufen kann
Ernst Wildhagen aus Barsinghausen qualifiziert sich
trotz Knorpelschadens erneut für die Weltmeisterschaft auf Hawaii

Ernst Wildhagen (links) mag zwar Knieprobleme haben, doch seine Willenskraft trägt ihn trotzdem immer einen Schritt weiter.FOTO: privat
Barsinghausen. „Männer sind manchmal verrückt“, sagt Andrea Wildhagen und lacht. Ihr Mann Ernst widerspricht nicht. Um einen Ironman zu machen, müsse man wohl ohnehin ein bisschen verrückt sein, fügt sie hinzu. Aber mit 64 Jahren und einem Knie, das richtiges Laufen kaum noch zulässt, eine Langdistanz zu bewältigen – das ist noch einmal eine ganz andere Sorte Wahnsinn.

Ernst Wildhagen hat sich erneut für die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii qualifiziert. Der Ausdauersportler aus Barsinghausen muss dort 3,8 Kilometer im Pazifik schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und anschließend einen Marathon absolvieren. Nur: Laufen kann er kaum noch. Ein Knorpelschaden im Knie macht seit Jahren jeden Schritt zur Belastung. Also hat Wildhagen seine eigene Technik entwickelt. „Ich nenne es Gaufen“, sagt der 64-Jährige – eine Mischung aus Gehen und Laufen.

Beim Ironman in Hamburg am 7. Juni zeigte Wildhagen, dass diese ungewöhnliche Technik tatsächlich funktioniert. Sein „Gaufen“ orientiert sich am olympischen Gehen, kombiniert mit kurzen Laufanteilen – angepasst an das, was sein Knie noch zulässt. Und am Ende reichte es für mehr als nur den Zieleinlauf: Nach 13 Jahren löste Wildhagen nach 11 Stunden 26 Minuten und 41 Sekunden erneut das Ticket für den Wettkampf zwischen Kailua-Kona und Mumuku-Wind.

Dabei war die Qualifikation in Hamburg schon ohne Knieprobleme schwierig genug. Auf der Radstrecke am Elbufer kam es zu einem Sabotageakt. Unbekannte hatten Metallsplitter auf der Fahrbahn verteilt – möglicherweise aus Protest gegen die Straßensperrung. Mehr als 100 Athletinnen und Athleten erlitten Reifenschäden. Es gab Stürze und Knochenbrüche. Polizei und Staatsschutz ermitteln.

Wildhagen hatte Glück. Erst am Abend im Hotel bemerkte er, dass auch sein Reifen beschädigt war. „Ich hatte einen schleichenden Platten“, erzählt er. Die Luft sei nur sehr langsam entwichen. Hätte der Reifen früher nachgegeben, wäre das Rennen für ihn womöglich vorbei gewesen.

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Dass Wildhagen überhaupt noch solche Wettkämpfe bestreitet, ist bemerkenswert. Die Liste der Blessuren, die er in seiner Sportlerkarriere hinter sich gebracht hat, ist lang: diverse Radunfälle, Haarrisse, Metallimplantate an Schulter und Brust, eine Zwerchfelllähmung – und nun der Knorpelschaden im Knie, der ihn besonders einschränkt. Viele hätten den Sport an diesem Punkt wohl längst aufgegeben. Wildhagen aber sucht sich ein neues Ziel.

Dieses Ziel heißt nun wieder Hawaii. Und der Traum ist teuer. Mit rund 15.000 Euro rechnet Wildhagen für zehn bis elf Tage. Allein das Startgeld beträgt 1.800 Dollar. Dazu kommen Flug, Hotel und Verpflegung. Sein Verein, der TSV Barsinghausen, kann eine solche Reise nicht unterstützen. „Wir sind keine Fußballer“, sagt Wildhagen mit einem Augenzwinkern.

Doch ganz alleine muss Ernst Wildhagen die lange Reise nicht angehen. Auch seine Frau Andrea fliegt mit. Sie ist bei jedem Wettkampf dabei. Sie organisiert das Hotel, kümmert sich ums Essen und sorgt dafür, dass die Sportsachen vollständig sind. Das ist nicht selbstverständlich, wie eine Episode von seinem ersten Hawaii-Start zeigt. Damals vergaß Wildhagen seine Radschuhe im Hotel. Andrea und ein beherzter Taxifahrer schafften es gerade noch rechtzeitig, sie vor dem Start heranzuschaffen.

Auch während der Rennen ist Andrea Wildhagen Teil des Systems. Sie steht morgens um vier Uhr auf, positioniert sich an der Strecke, ruft ihrem Mann Zwischenzeiten zu, wartet stundenlang – wenn es sein muss, auch im Regen. „Sie ist abends genauso fertig wie ich“, sagt Ernst Wildhagen anerkennend. Andrea trägt einen großen Teil der Last, damit er sich ganz auf seinen Sport konzentrieren kann.

Seine Fähigkeit, sich anzupassen, beweist der 64-Jährige auch im Training. Im Sommer kommt er zwar noch immer auf bis zu 20 Stunden pro Woche, im Winter sind es im Schnitt etwa zehn. Doch seine Haltung hat sich verändert. Früher folgte er einem strikten Plan: Wenn vier Stunden Radfahren vorgesehen waren, fuhr er auch bei 13 Grad und Regen los. Heute hört er stärker auf seinen Körper. „Das macht mich gelassener“, sagt er.

Diese Gelassenheit hat auch mit dem Alter zu tun. Wildhagen weiß, dass er seine früheren Bestzeiten nicht mehr erreichen wird. Er muss nicht mehr beweisen, wie schnell er sein kann. Er will sein Niveau halten, gesund bleiben – und trotzdem große Ziele haben. „Ich brauche irgendwie ein Ziel“, sagt er. „Das gehört bei mir dazu.“

Auch bei der Ernährung spürt er, dass sich der Körper verändert hat. „Mit drei Tellern Nudeln vor dem Wettkampf komme ich nicht mehr klar“, sagt Wildhagen. Stattdessen setzt er ergänzend auf Eiweißshakes und Proteinzusätze. Im Rennen selbst greift er zusätzlich zu Weingummis, weil der Zucker schnell Energie liefert. Für Hawaii hat er sich bereits für eine Sorte entschieden: Haribo Tropifrutti – klingt nach der perfekten Wahl für die Insel.

Am 10. Oktober ist es dann so weit. Und wenn alles gutgeht, wird auf Hawaii auch für den Mann aus Barsinghausen wieder dieser eine Satz fallen, der die Reise zum Erfolgserlebnis macht: „You are an Ironman!“

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