Die Geschichte beginnt nicht auf der Festwiese, sondern in einer Zeit, in der Schießen keine Folklore war. Als das Schießpulver die Kriegführung veränderte, brauchten Landesherren Menschen, die mit Feuerwaffen umgehen konnten. Und Bürger, Bauern, Schmiede oder Schneider ließen sich günstiger ausbilden als Söldner.
Eine zentrale Rolle dabei spielte Herzog Julius von Braunschweig. Er regierte von 1568 bis 1589 über Wolfenbüttel und Calenberg – und damit auch über die Region Wennigsen. Er ließ Bürger und Bauern im Schießen unterweisen. Damit aus Pflicht ein Anreiz wurde, gab es Preise und Vergünstigungen. So entstand das Freischießen.Was heute ein fröhliches Volksfest ist, hatte also einen ernsten Ursprung. In den Orten bildeten sich Kompanien, oft nach Farben benannt. Es wurde geübt, marschiert und scharf geschossen. Auch in Wennigsen erinnert mit dem Reuteranger im Döringsfeld noch ein Flurname an diese Zeit.
Wie handfest dieses Brauchtum früher war, zeigen Anekdoten, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind. So durfte in Bredenbeck nach längerer Unterbrechung 1874 wieder ein Freischießen stattfinden. Doch bei Schießübungen wurde Ernst Klages vom Schützen Oldekopf blind geschossen. Die Folge: Das Freischießen wurde sofort untersagt. Erst 1899 nahm Bredenbeck wieder am Brauchtum teil.
Auch aus Wennigsen selbst ist eine makabre Episode überliefert. Bei einem Übungsschießen vor dem Ersten Weltkrieg im „Sacke“ wurde demnach einem Teilnehmer ein Finger abgeschossen. Glück im Unglück: Später soll er sich bei Homeiers in der Dachrinne wiedergefunden haben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Holzgewehre auf. Vielleicht trugen sie dazu bei, dass das Freischießen in Wennigsen erhalten blieb. Wenn am Sonntag der Festzug durch Wennigsen zieht, wird diese Geschichte sichtbar: drei Garden in Weiß, Grün und Gelb, Reiter in blauen Uniformen, der Landsturm mit Wanderstöcken und Blumensträußen, dazu Kutschen, Pferde, Kapellen und Hunderte Teilnehmer.
Auch die Schwenkestellen gehören zum Brauch. Dort werden Fahnen geschwenkt, dort bedankt sich das Freischießen bei Unterstützern. So findet das Fest nicht nur auf der Festwiese statt, sondern mitten im Ort.
Dass diese Tradition bis heute lebt, ist nicht selbstverständlich. In vielen Nachbarorten ist das Freischießen verschwunden oder hat sich stark verändert. In Wennigsen wird es als gemeinsames Spiel eines ganzen Ortes weitergeführt. Zur Freude aller Beteiligten.
Vielleicht liegt genau darin die Stärke des Historischen Freischießens. Niemand muss mehr den Umgang mit Waffen üben, niemand schießt sich von Abgaben frei – und doch bleibt der Kern lebendig: Menschen kommen zusammen, pflegen Rituale und erzählen Geschichten weiter. Wennigsen feiert nicht nur Geschichte. Wennigsen spielt sie weiter.