Vor ausverkauftem Haus und bei fast tropischer Hitze feierte das Familienmusical am Pfingstsonntag Premiere – mit viel Humor, Szenenapplaus und einer erfrischend eigenständigen Interpretation des 1967 erstmals verfilmten Stoffes.
Denn anders als viele frühere Verfilmungen interessiert sich die Barsinghäuser Inszenierung deutlich weniger für den klassischen Kampf Gut gegen Böse als für Fragen nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Identität. Immer wieder geht es darum, seinen eigenen Platz zu finden – unabhängig davon, was andere erwarten. Selbst Shere Khan bleibt dabei mehr als bloßer Gegenspieler. Ralf Blume spielt den Tiger nicht nur bedrohlich, sondern immer wieder auch kontrolliert und fast verletzlich.
Das zeigt sich schon früh im Stück. Nachdem Hektik, Streit und Mowglis (Lene Schmedes) erste große Jagd das Geschehen bestimmen, bringt Baloo plötzlich Ruhe und Leichtigkeit hinein. „Ich hör auf meinen Bauch“, lautet seine simple Lebensphilosophie. Darstellerin Martina Blume verleiht der Figur dabei genau die richtige Mischung aus Gelassenheit, Humor und musikalischer Stärke.
Überhaupt setzt die Freilichtbühne bewusst auf eigene Akzente statt auf eine bloße Disney-Kopie. Bekannte Songs sucht man vergeblich, stattdessen gibt es eigenständige Musiknummern. Besonders King Louie (gespielt von Silke Schmedes) sorgt mit Sprechgesang à la Peter Fox, Goldkette à la Mr. T und jeder Menge größenwahnsinniger Dschungel-Boss-Mentalität für deutlich gegenwartsbezogene Momente auf der Bühne.
Optisch vertraut die Inszenierung weniger auf perfekte Illusion als auf Theaterfantasie. Ausdrucksstarke Kostüme, stilisierte Masken und viel körperliches Spiel lassen den Dschungel lebendig werden.
Bemerkenswert ist außerdem, wie selbstverständlich die Produktion mit klassischen Rollenbildern umgeht.
Fortsetzung auf Seite 4Viele zentrale Figuren – darunter Mowgli, Baloo, Bagheera (Mathilda Schulze), Chil, Kaa (Elena Speckmann) oder die Elefanten um Colonel Hathi (Mira Dumblus) – werden von Frauen gespielt. Das wirkt allerdings nie wie ein demonstratives Konzept, sondern fügt sich ganz natürlich in die Botschaft des Stücks ein: Jeder darf seinen eigenen Platz finden und der sein, der er (oder sie) sein möchte.
Dass diese Idee auf der Bühne tatsächlich funktioniert, liegt auch an Lene Schmedes in der Rolle des Mowgli. Sie spielt die Figur nicht als klassischen Helden, sondern als suchenden jungen Menschen zwischen zwei Welten – mit Textsicherheit, Mut und einer angenehm ungekünstelten Präsenz. Wie stark gerade jüngere Zuschauer darauf reagieren, zeigt sich nach dem Schlussapplaus: Während Kinder und Familien noch selbst auf die Bühne dürfen, bildet sich schnell eine kleine Traube um die junge Hauptdarstellerin. Viele Mädchen wünschen sich ein Selfie mit Schmedes. Sie hat offenbar einen Platz gefunden – und ist dort Identifikationsfigur für andere geworden.
Die Frage nach Zugehörigkeit zieht sich dabei durch viele Dialoge und Songs des Abends. „Ein Mensch unter Wölfen oder ein Wolf unter Menschen?“, fragt sich Mowgli an einer Stelle selbst. Besonders die Geierdame Chil bringt dabei viel Energie auf die Bühne. Sandra Narten spielt die Figur nicht als düsteren Außenseiter, sondern als lebhafte, liebenswert tollpatschige und kontaktfreudige Figur, die unbedingt dazugehören möchte. Und die Elefantinnen liefern mit ihrem Song „Ein Weg entsteht nur, wenn man ihn geht“ gleich noch eine weitere Lebensweisheit hinterher.
Überhaupt gelingt der Aufführung die Mischung aus Humor und ernsteren Themen gut. Gleichzeitig erzählt das Stück aber immer wieder von Unsicherheit, Angst und Ausgrenzung. Der zentrale Satz fällt schließlich, als Baloo, Bagheera und Chil als Mowgli-Rettungs-Union nach dem Menschenkind suchen: „Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam bekommen wir das hin.“
Genau daraus entwickelt die Barsinghäuser Inszenierung schließlich auch ihr überraschend anderes Ende. Zum Schluss wird Shere Khan nicht wie in der bekannten Disney-Version einfach vertrieben oder besiegt. Stattdessen rettet Mowgli seinen einstigen Gegner sogar vor den Menschen und ihrem Käfig. Statt Feindschaft bleibt Vergebung und Verständigung.
EXTRAKASTEN
Weitere Termine
Das „Dschungelbuch“ ist noch bis zum 6. September zu sehen Das Stück „Jedermann“ feiert Premiere am 6. Juni, um 18 Uhr. Und „Der erste letzte Tag“ ist ab Sonnabend, 11, Juli, ebenfalls um 18 Uhr zu sehen. Die Saison endet voraussichtlich am 11. September. Alle Infos, Termine und Karten bekommen Sie unter www.deister-freilicht-buehne.de