Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörten Feldhamster in vielen Regionen Deutschlands zum vertrauten Bild der Agrarlandschaft. Besonders in den fruchtbaren Bördelandschaften lebten die Tiere in großer Zahl. Inzwischen sind die Bestände jedoch drastisch eingebrochen. Ursachen dafür sind vor allem die intensive Landwirtschaft, frühe Erntezeiten und der Verlust strukturreicher Lebensräume. Für die Tiere fehlen vielerorts Nahrung, Deckung und geeignete Rückzugsorte. Die Calenberger Börde südwestlich von Hannover zählt zu den wenigen Gebieten in Niedersachsen, in denen Feldhamster überhaupt noch vorkommen. Um die Population dort zu stabilisieren, wurden die jetzt ausgewilderten Tiere gezielt vorbereitet. Die Jungtiere stammen aus einer speziellen Nachzuchtstation im Zoo Hannover. Dort waren zuvor Feldhamster untergebracht worden, die im Vorfeld von Bauarbeiten im Rahmen des Netzausbauprojektes SuedLink gesichert worden waren.
Für die Wiederansiedlung wurde das Gebiet gezielt hamsterfreundlich gestaltet. Auf den Feldern bleiben Schutzstreifen als Rückzugsorte erhalten, bei der Ernte werden die Halme bewusst länger stehen gelassen. Zusätzlich wachsen dort spezielle Futterpflanzen. Ein Elektrozaun soll die Tiere vor Fressfeinden schützen.
Der Erlebnis-Zoo Hannover sieht in dem Projekt einen wichtigen Beitrag zum Schutz heimischer Arten. „Mit der Zucht der Feldhamster engagiert sich der Erlebnis-Zoo für eine heimische Art, deren Lebensräume in der Kulturlandschaft stark zurückgegangen sind“, erklärt Zoo-Geschäftsführer Andreas M. Casdorff. „Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Akteure: Nur gemeinsam können wir geeignete Lebensräume erhalten, neu schaffen und die Population langfristig stabilisieren.“ Auch Fachleute aus dem Bereich Artenschutz begleiten die Tiere nach ihrer Freilassung engmaschig. In den kommenden Wochen sollen die Hamster regelmäßig kontrolliert werden. Dabei geht es unter anderem darum zu beobachten, ob die Tiere ihre Baue annehmen und ausreichend Nahrung finden.„Die heutige Auswilderung der Feldhamster ist ein Highlight für mich“, sagte Nina Lipecki von der AG Feldhamsterschutz Niedersachsen e.V., „denn man sieht den Erfolg aus der Planung und Vorbereitung in diesem einzigartigen Kooperationsprojekt ganz konkret vor Augen. Die nächsten Wochen werden wir in Zusammenarbeit mit der Universität Hildesheim die Hamster eng betreuen, damit der Schritt in die Wildnis gut gelingt.“
Die ersten Tiere hätten ihre vorbereiteten Baue unmittelbar angenommen. Auch die bereitgelegte Nahrung sei schnell genutzt worden. Im Erlebnis-Zoo Hannover läuft unterdessen bereits die Nachzucht weiterer Jungtiere, um die Population künftig weiter zu stärken.
Der Europäische Feldhamster zählt heute zu den am stärksten bedrohten Säugetieren Deutschlands. Besonders problematisch ist, dass die Tiere auf bestimmte Landschaften angewiesen sind. Sie bevorzugen offene Ackerflächen mit tiefgründigen Böden, in denen sie ihre bis zu zwei Meter tiefen Baue anlegen können.
Moderne landwirtschaftliche Nutzung lässt dafür oft kaum noch Raum. Werden Felder früh und großflächig abgeerntet, fehlen Schutz und Nahrung. Zudem erschweren monotone Anbauflächen das Überleben der Tiere. Dabei übernehmen Feldhamster wichtige Aufgaben im Ökosystem. Sie verbreiten Samen und tragen damit zur Entwicklung von Pflanzenbeständen bei. Gleichzeitig sind sie selbst Nahrungsquelle für Greifvögel und andere Wildtiere. Verschwindet der Feldhamster, wirkt sich das daher auf weitere Arten der Kulturlandschaft aus.
Naturschützer sehen in Projekten wie der Auswilderung in der Calenberger Börde deshalb einen wichtigen Schritt. Entscheidend sei jedoch, dass langfristig wieder mehr hamsterfreundliche Landwirtschaft möglich werde. Nur wenn geeignete Lebensräume dauerhaft erhalten bleiben, können sich die kleinen Nager in freier Wildbahn wieder etablieren.