Es war genau 10.30 Uhr, als das dreitägige Politikprojekt im Bürgersaal des Rathauses mit einer simulierten Ratssitzung auf seinen Höhepunkt zusteuerte. Eröffnet wurde die Sitzung von niemand Geringerem als dem „echten“ Vorsitzenden des Rates der Stadt Gehrden, Heinrich Möller (CDU). Er berichtete als Sitzungsleiter beim ersten Tagesordnungspunkt von „75 Stimmberechtigten“. Dann nahm die politische Willensbildung Fahrt auf.
Es war eine Idee der Initiative für Demokratie in Gehrden, das Planspiel zum ersten Mal in der Burgbergstadt durchzuführen. „Es geht darum, junge Menschen an Demokratie heranzuführen“, sagte Mitinitiatorin Annette Rexing am Rande der Sitzung. Die Initiative des Mehrgenerationen-Treffs hatte deshalb gemeinsam mit der Stadt und mit Unterstützung von Sponsoren den Verein Politik zum Anfassen aus Isernhagen engagiert.
Beteiligt waren auch das Matthias-Claudius-Gymnasium (MCG) und die Oberschule Gehrden: Beide Einrichtungen hatten jeweils zwei achte Klassen für die Teilnahme ausgewählt. Für die Umsetzung des Planspiels sorgte das achtköpfige Vereinsteam um den hauptamtlichen Mitarbeiter Jasper Mevert. „Am ersten Tag war ein kommunalpolitischer Crashkurs angesagt“, berichtete er in einer Sitzungspause. Eine anschließende Ideensammlung habe insgesamt 48 Anträge hervorgebracht.
„Jede Klasse ist eine Fraktion“, erläuterte Mevert die Sitzordnung im Bürgersaal. Vor der finalen Ratssitzung seien am ersten Projekttag aus allen Fraktionen Vertretungen in Fachausschüsse entsandt worden. Am zweiten Tag seien nach den Ausschussdebatten insgesamt 15 der Anträge für die Abstimmungen im Rat übrig geblieben. Und wie es sich für eine realitätsnahe Simulation gehört, wurden auch alle Beschlussvorschläge jeweils von einem Jugendlichen der Antragsfraktion vorgestellt.
Für die erste Forderung fand sich jedoch keine Mehrheit: Dass in Gehrden mehr – und auch breitere – Radwege notwendig sind, davon ließen sich zu wenig Nachwuchspolitiker überzeugen. „Die Straßen für die Autos sind wichtiger“, meinte ein Jugendlicher. Die Anzahl und der Zustand der Fahrradwege seien noch ausreichend. Mit nur zwölf Zustimmungen, 44 Nein-Stimmen und 16 Enthaltungen wurde der Antrag abgelehnt.
Anschließend fanden sich für weitere Wünsche viele Mehrheiten. Mehr Sitzbänke im Stadtgebiet: Dafür votierten fraktionsübergreifend insgesamt 51 aller Stimmberechtigten – klare Mehrheit. Mehr Trinkwasserspender als kostenloses Angebot in den Schulen und an öffentlichen Plätzen: Dafür sprachen sich 66 der 75 Stimmberechtigten aus. Ein Änderungsantrag: Aus hygienischen Gründen sollen auch recycelbare Trinkbecher zur Verfügung gestellt werden.
Knapper fiel ein weiteres Ergebnis aus: Beantragt war, auf einem ungenutzten Grundstück an der Schulstraße eine neue Tennishalle zu errichten. Um im Winter Tennis zu spielen, seien zurzeit aufwendige Busfahrten nach Barsinghausen erforderlich, so die Begründung. Diese Fahrten seien – auch wegen der Umweltbelastung – vermeidbar.
Doch es gab Einwände im Gremium: Eine Sporthalle an diesem Standort sei der Anwohnerschaft wegen des Lärms nicht zuzumuten. Zu laut und umweltbelastend seien auch die Neubauarbeiten. Ohnehin sei eine Multifunktionshalle viel sinnvoller als eine reine Tennishalle. Ratsvorsitzender Möller bat um den Abschluss der leidenschaftlich geführten Debatte. Das Votum: Mit 29 Ja-Stimmen, 26 Ablehnungen und 20 Enthaltungen wurde der Hallenbau schließlich doch befürwortet.
Weitere Beschlüsse: kostengünstige Kinoabende und bessere Internetverbindungen in den Klassenräumen beider Schulen. Am MCG sei das „WLAN – außer im Westbau – grottig“, berichtete Emil. Außerdem wurden neue Toiletten für die Oberschule gefordert. „Weil sie eklig sind“, hieß es im Beschlussvorschlag.
Mit den Wünschen der Jugendlichen werden sich nun die gewählten Gremien der Stadt beschäftigen. Das kündigte Bürgermeister Malte Losert (parteilos) an. Vom MCG-Leiter Christian Schmidt gab es Lob: „Das ist ein Top-Projekt.“ Auch das MCG habe die Demokratieförderung zur Aufgabe. „Wenn es sich realisieren lässt, wäre es gut, das Projekt als regelmäßiges Angebot zu etablieren“, so Schmidt. Ziel müsse es auch sein, Jugendliche für Kommunalpolitik zu begeistern.
Der Bürgermeister äußerte ebenfalls Lob: „Demokratieförderung geht nicht besser.“ Die 13-jährige Hannah fasste eine mehrfach geäußerte Meinung zusammen: „Das hat Spaß gemacht.“ Durch das Projekt habe sie einen besseren Einblick bekommen.