Verlässlich. Engagiert. Mittendrin.
Zu wenige Trainer, zu viele Kinder:
Der TSV Barsinghausen sucht neue Wege – und findet sie in Menschen
wie Mehmet Miisoglu

Mehmet Emin Miisoglu möchte einen Trainerschein machen; der Verein und die Lotto-Sport-Stiftung unterstützen ihn dabei. fotos: Nds. Lotto-Sport-Stiftung
Barsinghausen. Mehmet Emin Miisoglu steht am Rand des Kunstrasenplatzes des TSV Barsinghausen. Die Hände in den Taschen seiner blauen Jacke. Die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Es ist kalt, Flutlicht liegt über dem Platz, die C-Jugend läuft sich warm. Miisoglu beobachtet, sagt wenig, greift nur dann ein, wenn es nötig ist. Ein kurzer Hinweis hier, ein aufmunterndes Wort dort. Kein lauter Trainer – aber einer, der nachhaltig wirkt.

Seit etwa einem Jahr gehört der 35-Jährige zum Trainerteam von Basche United in Barsinghausen. Zwei-, manchmal dreimal pro Woche steht er abends auf dem Platz. Dazu kommen die Spiele am Wochenende. Nur wenn er Spätschicht hat – Miisoglu arbeitet als Maschinenführer beim Kekshersteller Bahlsen – muss er passen. Ansonsten ist er da. Verlässlich, engagiert, mittendrin.

„Mehmet ist voll dabei“, sagt Trainer und Mentor Gerrit Nolte. Teamfähig sei er, diszipliniert, ruhig, empathisch. „Ein Volltreffer für Team und Verein.“ Auch Florian Krebs, der ihn von Beginn an begleitet hat, sieht das so: „Wegen seiner ruhigen und sympathischen Art haben wir Mehmet zur C1 geholt.“

Was Miisoglu besonders macht, ist nicht nur seine Art als Trainer. Es ist seine Geschichte. Der Kurde, geboren in der Türkei, kam mit sieben Jahren nach Deutschland. Er kennt das Gefühl, zwischen zwei Welten aufzuwachsen. Weiß, wie es ist, sich behaupten zu müssen, Vorurteile zu erleben, seinen Platz zu finden. Genau das verbindet ihn mit vielen der Jugendlichen, die vor ihm auf dem Platz stehen.

Beim TSV Barsinghausen spielen Kinder und Jugendliche aus mehr als einem Dutzend Nationen zusammen. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Hintergründe – und oft ähnliche Herausforderungen. Für viele ist Fußball mehr als ein Spiel. Es ist Struktur, Gemeinschaft, ein Stück Zuhause.

Und genau hier beginnt ein Problem, das weit über Barsinghausen hinausgeht.

Was auf dem Platz so selbstverständlich wirkt – Training, Betreuung, Spielbetrieb – steht vielerorts auf wackligen Beinen. In ganz Deutschland fehlt es Vereinen an Trainerinnen und Trainern. Gleichzeitig wollen immer mehr Kinder Fußball spielen.

Die Folge: Wartelisten, überfüllte Trainingsgruppen – oder im schlimmsten Fall Absagen.

Auch in Barsinghausen war das lange Realität. „Wir mussten immer wieder Kinder nach Hause schicken“, sagt Sascha Duy, Jugendleiter des TSV. Nicht, weil der Wille fehlte. Sondern weil die Kapazitäten fehlten.

Ein Problem, das viele Vereine teilen: Der Nachwuchs drängt in die Clubs, doch es fehlen die Menschen, die ihn begleiten. Trainer im Jugendbereich arbeiten fast ausschließlich ehrenamtlich. Sie investieren Zeit, Verantwortung und Energie – neben Job, Familie und Alltag. Gleichzeitig sind die Anforderungen gestiegen: Trainer sind heute nicht nur Übungsleiter, sondern oft auch Pädagogen, Vertrauenspersonen und Vermittler.

„Uns fehlen nicht nur Trainer, uns fehlen Vorbilder“, sagt Duy. Denn gerade in Teams mit vielfältigen Hintergründen geht es um mehr als Taktik und Technik. Es geht um Orientierung. Um Zugehörigkeit. Um Perspektiven.

Duy wollte sich mit dieser Situation nicht abfinden. Seine Überzeugung: Wer die richtigen Menschen anspricht, kann etwas verändern. Die Idee: gezielt Trainer mit Migrationshintergrund gewinnen.

„Wir haben hier Menschen mit Migrationshintergrund, mehr als ein Dutzend Nationalitäten in den Teams“, sagt Duy. „Und deshalb brauchen wir auch Trainer mit Migrationshintergrund.“ Vorbilder, die in die Mannschaft hineinwirken. „Denn wer Mehmet heißt, macht hierzulande immer noch andere Erfahrungen als ein Sascha.“

Mit Unterstützung der Lotto-Sport-Stiftung startete der Verein ein Ausbildungsprojekt. Und ging neue Wege: Plakate in der Stadt. Social-Media-Videos. Direkte Ansprache in Schulen, Jugendzentren und beim Mitternachtssport. Duy nennt es eine „Guerilla-Aktion“.

Beim Mitternachtssport traf er auch Mehmet Emin Miisoglu.

Ein Gespräch, ein Handschlag – und schon folgte der Einstieg in eine neue Rolle.

Heute ist Miisoglu längst mehr als ein Helfer am Spielfeldrand. Er ist Bezugsperson, Ansprechpartner, eine feste Größe im Team.

Beim Training übernimmt er Übungen, organisiert Gruppen, gibt gezielte Hinweise. Vor allem aber: Er ist nah dran an den Jugendlichen. Seine ruhige Art schafft Vertrauen. Und seine Geschichte schafft Verbindung.

Viele Spieler erkennen sich in ihm wieder.

Und genau darin liegt die Stärke des Projekts: Es schafft nicht nur zusätzliche Trainerkapazitäten. Es verändert die Dynamik im Team.

Aus Distanz wird Nähe. Aus Training wird Beziehung.

Neben Miisoglu konnten durch Duys’ Projekt drei weitere Traineranwärter gewonnen werden. Alle sind inzwischen fest in den Trainingsbetrieb eingebunden. Für sie ist der nächste Schritt klar: der Trainerschein.

Auch Miisoglu arbeitet darauf hin. Die Unterstützung im Verein ist ihm sicher.

Für den TSV Barsinghausen ist das Projekt ein doppelter Gewinn: sportlich, weil mehr Kinder spielen können. Gesellschaftlich, weil Integration aktiv gelebt wird.

Und vielleicht ist es sogar mehr als das.

Vielleicht ist es ein Modell für andere Vereine, die vor denselben Herausforderungen stehen.

Denn hinter dem Trainermangel steckt immer auch eine verpasste Chance – für Vereine, aber vor allem für die Kinder.

In Barsinghausen wird versucht, genau das zu ändern. Indem Menschen wie Mehmet Emin Miisoglu Verantwortung übernehmen. Und für die Jugendlichen zu dem werden, was ihnen oft fehlt: Ein Vorbild.





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