Die dunkelblaue, 63 Jahre alte Röhre hatte ein aufmerksamer Baggerführer entdeckt: in den Trümmern des alten Fundaments nahe des ehemaligen Eingangsbereichs. Zwar war das Fundstück stark eingedrückt, aber immer noch verschlossen. „Der Baggerfahrer hat ein gutes Auge gehabt“, sagte Losert.
Die Spekulationen der Kinder, was wohl in der Kapsel sein würde, gingen in alle Richtungen. Ob der Inhalt gefährlich sei, wollte ein Kind wissen. „Was ist, wenn Eis drin ist?“, fragte Erstklässlerin Luise.
Zur besseren Öffnung hatten Mitarbeiter des Bauhofs die Röhre am oberen Teil bereits angeschnitten. Das erste Stück Papier, das zum Vorschein kam, war eine Ausgabe der Zeitung „Gehrdener Nachrichten“ vom 5. September 1963. Auf dem Titelblatt prangte die Überschrift: „Bonn strebt Kompromiß im Hähnchenkrieg an“. In der Zeitung eingerollt befand sich ein kleiner Stadtplan Gehrdens, gedruckt als transparente Kunststofffolie für einen Overhead-Projektor.
Dann geriet die Öffnung erst einmal ins Stocken. Die starken Beulen drückten den Inhalt so sehr zusammen, dass es nicht möglich war, das restliche Papier unbeschädigt herauszuholen. „Dass die Kapsel so stabil ist, wussten wir auch nicht“, sagte Losert.
Zum Helden der Stunde wurde der Hausmeister der Schule, Zafer Korkmaz. Begleitet von Sprechchören der Kinder nahm er die Kapsel mit und bog das Metall in mühevoller Kleinarbeit auf. „Das war starkes Material. Das hätte auch noch 200 Jahre mehr gemacht“, sagte Korkmaz.
Als es weitergehen konnte, zogen die Kinder eine große Rolle Papier aus der Röhre: bräunlich verfärbt, leicht eingerissen, aber noch gut zu erkennen. Zu sehen waren die Baupläne der alten Schule. Die Kinder inspizierten sofort die Zeichnungen und entdeckten ihre alten Flure und Klassenräume.
Danach kamen zwei weitere Tageszeitungen vom 5. September 1963 ans Tageslicht: die Hannoversche Allgemeine Zeitung und die Hannoversche Presse. Stückpreis: jeweils 20 Pfennig. Die fielen dann auch noch physisch aus der Kapsel. Denn enthalten waren alle Münzen der damaligen Währung, vom Fünfmarkstück bis zur Einpfennigmünze.
Zuletzt zogen die Kinder ein dickes Buch aus dem Rohr, zusammengerollt und ohne Einband. Dabei handelte es sich um das Schriftstück „Stadt Gehrden, Entwicklung und Schicksale einer Calenbergischen Kleinstadt“ von August Kageler. Zudem fanden sie eine Baubeschreibung und die Begründung, warum der damalige Schulneubau erforderlich war.
Der Inhalt der Zeitkapsel wird in den kommenden Wochen in der Schule ausgestellt, bevor er dann dem Stadtarchiv übergeben wird und den Weg ins Museum findet. Auf die Kinder der Grundschule Am Castrum wartet nach der aufregenden Öffnung der Zeitkapsel noch eine ganz besondere Aufgabe.
Die Schülerinnen und Schüler dürfen jetzt selbst über den Inhalt der neuen Zeitkapsel entscheiden, die dann in das Fundament des Neubaus der Schule eingelassen wird.