„Früher hat manimmer Rehe gesehen“
Diskussion im Deister: Auch bei Spaziergängern und Wandererngehen die Meinungen teilweise auseinander.

Wandern im Deister: Spaziergänger berichten, dass Begegnungen mit Rehen seltener geworden sind – stattdessen sehen sie immer mehr Mountainbiker.Foto: Tim Schaarschmidt
Barsinghausen. Der Deister wirkt an diesem Tag wie ein ganz normaler Naherholungswald. Spaziergänger führen ihre Hunde aus, Familien wandern über die Forstwege, Jogger ziehen ihre Runden. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Abseits der offiziellen Wege schlängeln sich schmale, steile Pfade durch das Unterholz: Es sind sogenannte Trails, die nicht von Forst oder Behörden genehmigt wurden.

Für die drei bislang genehmigten Downhilltrails waren zum Ende des vergangenen Jahres sowohl die naturschutzrechtlichen Ausnahmeregelungen als auch der Nutzungsvertrag ausgelaufen. Die Region Hannover verlängerte die Sonderregelung nicht, der Mountainbike-Verein Deisterfreunde startet daraufhin eine Onlinepetition, nun muss sich der Landtag mit dem lange schwelenden Streit zwischen Radfahrern, Waldbesitzern und Naturschützern befassen.

Die Spaziergänger Birgit und Torsten, die ihren Nachnamen nicht nennen wollen, wohnen seit 30 Jahren in der Nachbarschaft. „Wir sind damals extra wegen der hohen Lebensqualität hierhergezogen“, sagt Birgit. Den Wald schätzen sie wegen der Stille, für Spaziergänge und Begegnungen mit Wildtieren.

Unangenehme Situationen mit Mountainbikern haben sie in den vergangenen Jahren zwar erlebt, aber nicht gehäuft. Was ihnen jedoch deutlich auffällt: Abseits der offiziellen Trails wird immer häufiger gefahren. „Das erkennt man ja an den abgefahrenen Wegen im Wald“, meint Birgit. Und noch etwas ist ihnen aufgefallen: „Es ist schade, früher hat man immer Rehe und andere Tiere gesehen, jetzt gar nicht mehr. Die ziehen sich wegen des Tourismus wohl auch zurück.“

Verbote oder schärfere Kontrollen halten beide dennoch nicht für die richtige Lösung. „Das kommt dann nur noch mehr hoch“, glaubt Torsten. Stattdessen wünschen sie sich mehr Unterstützung für den Mountainbike-Verein Deisterfreunde.

Auch Anja und Jörg sind an diesem Wochenende im Wald unterwegs. Sie wohnen „um die Ecke“ und sind oft hier. Schlechte Erfahrungen mit Mountainbikern haben sie bislang nicht gemacht. „Eigentlich läuft das ganz entspannt“, sagt Jörg. Was die beiden jedoch beobachtet haben: Es gibt deutlich mehr Radfahrer im Wald als noch vor einigen Jahren. Der Deister habe sich verändert, leiser sei es nicht geworden.

Kerstin, Angelika und Christine, sind mit dem Hund unterwegs. Als sie auf das Thema angesprochen werden, reagiert Christine sofort: „Zu den Mountainbikern? Ja, dazu können wir was sagen“, sagt sie und winkt genervt ab. „Die kommen hier regelmäßig aus dem Gebüsch geschossen. Wenn man Glück hat, klingeln sie noch.“ Als Fußgänger habe man schlechte Karten, sagt sie. Die Biker seien oft so schnell, dass man sie gar nicht rechtzeitig bemerke. Auch sie berichten, dass sie im Wald schon länger kaum noch Tiere sehen. „Nur noch unterhalb des Deisters im Feld“, sagt Christine.

Ein paar Meter weiter steht Brunhilde Hering und genießt die Sonne. „Ich bin selbst leidenschaftliche Radfahrerin und habe meine Saison bereits eröffnet“, sagt sie verschmitzt. Gerade deshalb ärgert sie manches Verhalten. „Für die Respektlosigkeit, die manch ein Mountainbiker hier an den Tag legt, habe ich kein Verständnis.“ Generell müsse man besonders auf die Umwelt mehr Rücksicht nehmen. Brenzlige Situationen habe sie persönlich glücklicherweise noch nicht erlebt.

Offenbar ist das Thema auch unter den Waldbesuchern heikel, denn ihren Namen wollen an diesem Tag die meisten nicht nennen. So auch Thomas und Evelyn, die auf einer Bank in der Sonne sitzen. Zwei Mountainbiker seien gerade mit hoher Geschwindigkeit den Hang an der Deisterstraße hinabgefahren. „Die kamen hier mit Karacho den Berg runter“, sagen sie.

Gefährlich sei für sie vor allem zweierlei: Wenn die Biker plötzlich aus dem Gebüsch kommen, also abseits der eigentlichen Wege fahren, und wenn sie mit Tempo bergab unterwegs sind. „Wir waren früher oft mit den Kindern im Wald unterwegs. Das wäre jetzt total gefährlich, weil man keine Chance mehr hat, die rechtzeitig einzusammeln, wenn die weiter vorne laufen“, sagt Evelyn. „Man will einfach entspannt gehen, aber man hat das Gefühl, die Radfahrer haben die Oberhand.“

Der Streit um die Wege im Deister zeigt, wie sehr sich der Wald verändert hat: vom stillen Rückzugsort hin zu einem Raum, in dem unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Auf der einen Seite die Mountainbiker, auf der anderen Seite die Spaziergänger und Waldbesitzer. Letztere machten erst im Dezember die immensen Schäden durch illegale Trails deutlich. Die Klosterkammer Hannover als Waldbesitzerin sprach damals von Kosten in Höhe von mehreren Zehntausend Euro. Denn: „Beim Bau werden oft Jungpflanzen aus dem Boden gerissen und abgesägt. Es wird Nutzholz entwertet, indem es durchgesägt wird, wenn es im Weg liegt“, berichtete Constantin von Waldthausen, Leiter der Klosterforsten.

Die Meinungen der Wanderer gehen an diesem Wochenende zwar teilweise auseinander, doch im Kern sind sie sich einig: Der Wald gehört allen, und das funktioniert nur, wenn gegenseitige Rücksicht herrscht. Viele betonen, dass es weniger um „die Mountainbiker“ oder organisierte Gruppen gehe. Respektloses Verhalten gegenüber Natur und Mitmenschen schreiben sie vielmehr einzelnen Personen zu, nicht einer ganzen Gemeinschaft. Aber am Ende wünschen sich hier alle doch eigentlich nur dasselbe: einen Wald, in dem Bewegung und Begegnung ohne Probleme möglich sind.

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