Schon der Auftakt der Inszenierung setzt ein deutliches Zeichen. Mit dröhnenden Schritten und sirenenhafter Stimme betritt der Chor der Feuerwehr die Bühne, dargestellt von Jeanette Dobbertin, Stefanie Tribukait, Rosemarie von Strohe und Sabine Uhlich. Was zunächst wie Schutz und Ordnung klingt, entpuppt sich schnell als Warnung. Die Feuerwehrleute fungieren zugleich als Kommentatoren und Propheten: Sie kündigen das Unheil an, das niemand wahrhaben will. Das Publikum weiß von Anfang an, was bevorsteht – und muss mit ansehen, wie sehenden Auges weggeschaut wird.
Ein Probenbesuch führt ohne Umschweife mitten hinein ins Geschehen. Biedermann sitzt am Tisch und zündet sich eine Zigarre an. Neben ihm seine Frau Babette (Peter Zanini). „Aufhängen müsste man sie“, schimpft Biedermann über Brandstifter, die Häuser anzünden und sich als harmlose Hausierer ausgeben und die Dachböden der Häuser besetzen, die sie später niederbrennen. Gespielt wird Gottlieb Biedermann von Anja Fahrenbach, die die Selbstgewissheit des braven Bürgers überzeugend verkörpert.
Der Probenraum ist bewusst reduziert: ein Tisch, ein paar Stühle, Markierungen auf dem Boden. Kein Bühnenbild, das Distanz schafft. Die Darsteller stehen eng beieinander, manchmal unangenehm nah. Die Inszenierung setzt auf Zuspitzung statt Behaglichkeit. Biedermann erklärt, beschwichtigt und hält sich für vernünftig. Babette beobachtet schweigend – ihr Blick verrät, dass sie mehr weiß, als sie sagt.
Eine Schlüsselszene beginnt mit einem leisen Klopfen. Josef Schmitz (Kyelo Wessel), einer der Brandstifter, bittet um Unterkunft – nur für ein paar Nächte. Biedermann zögert kurz, weniger aus Angst als aus Pflichtgefühl. Ein anständiger Mensch weist niemanden ab. Schmitz darf bleiben. Als beiläufig von Brandstiftern die Rede ist, entsteht eine gespannte Stille. Biedermann lacht unsicher und übergeht das Offensichtliche. Kurz darauf folgt der nächste Schritt: der Dachboden. Wieder zögert er, wieder gibt er nach. Der Weg zurück bleibt unbeachtet.
„Biedermann und die Brandstifter“ erzählt von einem schleichenden Prozess, von kleinen Entscheidungen, vom Wegsehen und Beschwichtigen. „Es geht um den Moment davor – und der ist heute erschreckend nah“, sagt Regisseurin Wessel. Max Frisch schrieb das Stück unter dem Eindruck des Nationalsozialismus. Viele hätten gewusst, was kommt, und dennoch gehofft, es werde nicht so schlimm. Diese Hoffnung habe in die Katastrophe geführt.Das Ensemble ist generationenübergreifend. Die älteste Darstellerin, Sabine Uhlich (71), kam zunächst als Zuschauerin zur Klosterbühne, half später beim Getränkeverkauf – und steht nun selbst auf der Bühne. Die Jüngste, Kyelo Wessel, ist seit 2020 dabei. Die 19-jährige Tochter der Regisseurin bewirbt sich gerade auf ein berufsorientierendes und studienvorbereitendes Bildungsjahr für Tanz in Berlin.
Dass Frischs bitteres Stück auch Raum für Humor lässt, ist kein Widerspruch. „Das Lachen entlastet und erleichtert, morgen weiterzumachen“, so Wessel. Theater könne die Welt nicht retten, ergänzt Anja Fahrenbach, die seit der Gründung der Klosterbühne vor 43 Jahren dabei ist, aber es könne Denkanstöße geben und Gespräche auslösen.
„Die Geschichte ist heute aktueller denn je, weil sie keine konkrete Epoche beschreibt, sondern ein zeitloses menschliches Verhalten offenlegt: das Wegsehen trotz besseren Wissens“, betont Wessel.
Max Frisch zeige keinen fanatischen Täter, sondern einen scheinbar anständigen, vernünftigen Bürger. „Biedermann erkennt die Gefahr, benennt sie sogar und handelt dennoch nicht“, fügt sie hinzu. Genau darin liege die erschreckende Aktualität. Auch heute wissen viele Menschen um Bedrohungen wie politische Radikalisierung, Angriffe auf die Demokratie, Rassismus, Antisemitismus, Klimakrise oder gesellschaftliche Spaltung. Doch Wissen allein führe nicht automatisch zu Handeln. „Bequemlichkeit, Angst vor Konflikten und der Wunsch, „kein Aufsehen zu erregen“, führen dazu, dass Warnzeichen ignoriert werden“, so Wessel weiter. Sechs Aufführungen gibt es im Klostersaal.
Die Premiere war bereits am Donnerstag. Weitere Vorstellungen folgen am heutigen Sonnabend, 28. Februar,