Ein Ort für eine zweite Chance
Seit Jahrzehnten kümmert sich der Tierschutzverein Barsinghausen um Tiere in Not. Wie arbeitet das Team? Und welche Probleme gibt es? Wir haben uns auf dem Gelände umgeschaut.

Tierheimleiterin und Hauptverantwortliche im Katzenhaus: Verena Daugs ist seit dem 1. Januar 2026 in der Einrichtung in Barsinghausen angestellt.Foto: Annika Langhorst
Barsinghausen. Ein dunkler Himmel liegt an diesem Februartag über Barsinghausen, Regen prasselt auf den Boden. Auch das Gelände des Tierschutzvereins Barsinghausen und Umgebung e.V. liegt im Trüben. Aber hinter dem Tor warten Hunde, Katzen und andere Schützlinge nicht nur auf Futter und Fürsorge, sondern vor allem auf einen echten Neuanfang.

Seit 1958 gibt es den Verein – ein Stück gelebte Tierschutzgeschichte in der Region. Heute arbeiten dort sieben Teilzeitbeschäftigte und Bundesfreiwillige, unterstützt von rund 100 Ehrenamtlichen. Seit dem 1. Januar 2026 steht mit Verena Daugs nun auch eine ausgebildete Tierheimleiterin an der Spitze. An diesem Tag führt sie über das Gelände, vorbei an Krankenstation, Büro, Küche, großen Katzengehegen, Hundehaus und Kleintierstation.

Beim Rundgang werden wir überall begrüßt. Kaninchen hoppeln neugierig heran, Katzen beobachten jeden Schritt mit wachem Blick, Hunde springen freudig an den Zwingern hoch. Trotz der oft traurigen Vorgeschichten der Tiere herrscht eine ruhige, fast harmonische Atmosphäre.

Mehr als 200 Tiere wurden 2025 aufgenommen, medizinisch versorgt, aufgepäppelt und schließlich vermittelt. Aktuell betreut das Heim drei Hunde, zwölf Katzen und 22 Kleintiere.

Besonders im Hundehaus überrascht die Stille. Kein ohrenbetäubendes Gebell, kein Knurren – nur erwartungsvolle Augenpaare hinter Gittern. Da ist Coffee, eine schwarze Mischlingshündin aus Rumänien, die über eine Vermittlungsorganisation nach Barsinghausen gekommen ist. Sie springt sofort am Gitter hoch, streckt die Vorderbeine weit hindurch, als wolle sie uns umarmen. Als wir näher treten, leckt sie dankbar unsere Hände. In ihrem Blick liegt große Zuneigung.

Wenig später darf Staffordshire-Terrier Hannes für ein paar Leckerlis aus dem Zwinger. Doch noch bevor Mitarbeiterin Melanie Drogmann ihm etwas geben kann, stürmt er auf uns zu. Offensichtlich sind soziale Kontakte für den Hund wertvoller als eine Belohnung. Als er die Leckerlis entdeckt, schnalzt er genüsslich.

Odin, ein sanfter, neun Jahre alter Riese, hat an diesem Tag Glück. Die ehrenamtliche Spaziergängerin Melanie Pihali holt ihn für eine Runde durch den Deister ab, der direkt ans Tierheim grenzt. Die beiden ziehen voller Unternehmungslust los – und drehen für ein Foto noch eine Extra-Schleife.

Im Katzenhaus werden wir zunächst kritisch beäugt. Jeder Schritt scheint analysiert zu werden. Verena Daugs ist hier die Hauptverantwortliche, und dass die Katzen sie lieben, ist nicht zu übersehen. Während sie bei Fremden oft das Weite suchen, bleiben sie bei der Tierheimleiterin ruhig und lassen sich ausgiebig streicheln.

Wie lange die Tiere im Heim bleiben, variiert: Für Katzen gelten im Schnitt etwa drei Monate, Hunde sind nicht selten ein halbes Jahr dort. „Viele Tiere können gar nicht so schnell ausziehen“, erklärt Daugs. „Sie werden hier gründlich untersucht und müssen sich oft erst von Krankheiten erholen.“

Im Katzenhaus steht Heinz Oppermann auf einer Leiter und wechselt eine Glühlampe. Er ist einer von vielen Ehrenamtlichen, ohne die hier nichts laufen würde. Tatsächlich bilden die rund 100 freiwilligen Helfer das Fundament des Vereins. Sie besetzen die Hotline, übernehmen Taxifahrten zum Tierarzt, unterstützen im IT-Bereich oder helfen bei Veranstaltungen.

Der siebenköpfige Vorstand arbeitet ebenfalls ehrenamtlich, mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten. Aber Daugs macht deutlich: „Es gibt nie genug Personal.“ Dafür sei einfach zu viel zu tun. Was die Tierheimleiterin motiviert? „Man bekommt so viel von den Tieren zurück, aber auch von den Menschen.“ Besonders freue sie sich über Fotos ehemaliger Schützlinge in deren neuem Zuhause.

Manche Schicksale gehen Daugs besonders nahe. Ein Hund, der nicht mehr vermittelt werden konnte und im Tierheim starb. Ein schwer verletzter Kater, der sich monatelang nur im Käfig aufhielt und lange brauchte, um Vertrauen zu fassen. Und dann war da noch der Ausbruch der Katzenseuche 2024: „Wir haben um das Leben der Tiere gekämpft, aber zwei Katzen konnten wir nicht retten.“

Die Zahl der aufgenommenen Tiere steigt seit Jahren. Dazu zählen Fundtiere, für die mit den Städten Barsinghausen, Gehrden und neuerdings auch Pattensen Verträge bestehen. Aber auch eine wachsende Zahl von Besitzern bringt ihre Tiere ins Heim. „Es gibt immer mehr Anfragen von Leuten mit finanziellen Problemen“, berichtet Daugs.

Beschlagnahmungen durch das Veterinäramt haben ebenfalls zugenommen. „Immer wenn Tiere Probleme machen, neigen Menschen dazu, sie abgeben zu wollen“, sagt Daugs. Ob aggressive Hunde oder unsaubere Katzen: Statt an Lösungen für Probleme zu arbeiten, sei es für manche eben einfacher, das Tier wegzugeben. Ein besonders trauriger Fall: Meerschweinchen, die einfach in der Spendenbox des Tierheims ausgesetzt wurden.

Finanziell bleibt die Lage angespannt. Das Tierheim finanziert sich vorwiegend über Spenden, Mitgliedsbeiträge, Patenschaften und Erbschaften. Zwar zahlt die Stadt für Fundtiere einen Betrag, und auch das Veterinäramt übernimmt Kosten bei Beschlagnahmungen, aber kostendeckend ist das laut Daugs nicht. Während die Tierarztkosten lange mit rund 50.000 Euro jährlich der größte Posten waren, liegen die Personalkosten inzwischen bei fast 100.000 Euro. Ohne größere Spenden seien diese Summen kaum zu stemmen, so die Tierheimleiterin. Besonders dringend benötigt wird Futter, vor allem Grünfutter für die Kleintiere.

Hat sich das Verhalten der Menschen verändert? „Man muss das zweiteilig betrachten“, sagt Daugs. Viele informierten sich heute ausführlich im Internet und kämen gut vorbereitet ins Tierheim. Zugleich gebe es Menschen, die sich aus egoistischen Gründen Tiere anschafften und nicht bereit seien, ausreichend Verantwortung zu übernehmen.

Am Ende des Rundgangs steht Daugs noch einmal zwischen den Gehegen und spricht einen Appell: „Schauen Sie im Alltag hin, wo Tiere Hilfe brauchen. Sensibilisieren Sie Kinder früh für den richtigen Umgang mit Tieren.“ Als wir das Hundehaus verlassen, blickt Hund Coffee uns noch einmal hinterher, die Pfoten am Gitter, die Augen voller Erwartung. Im Katzenhaus klappert eine Futterschale, und aus der Kleintierstation raschelt es leise im Stroh. Es sind unscheinbare Geräusche, aber sie erzählen von großer Fürsorge und Geduld derjenigen, die sich um die Tiere kümmern. Und von der täglichen Hoffnung, für diese ein neues Zuhause zu finden.

Der Tierschutzverein Barsinghausen gebe Tieren ein Versprechen, erklärt Daugs: Niemand wird vergessen, jede Wunde wird behandelt, jedes gebrochene Zutrauen wird Schritt für Schritt wieder gestärkt. Dafür gibt es Menschen, die hinschauen, wenn andere wegsehen. „Wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, wären wir schon ein ganzes Stück weiter“, sagt Daugs zum Abschied.
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