Was genau steckt hinter dem weltweiten Phänomen? Streetworker und Veranstalter Tim-Christoph Meyer erklärt es den Kindern geduldig: „Es ist eine interaktive Schnitzeljagd, um Minimonster zu finden.“ Mit dem Smartphone geht es quer durch die Barsinghäuser Innenstadt. Auf der digitalen Karte, angelehnt an Google Maps, tauchen Pokémons auf, die es einzufangen gilt. „Man wirft einen Ball drauf und hofft, das Pokémon gefangen zu haben. In einer Liste kann man sehen, wie wertvoll es ist“, so Meyer.
Nicht alle der jungen Teilnehmer haben zuvor schon Pokémon Go gespielt. Deshalb erklärt Meyer Schritt für Schritt, wie das geht. Und: Nicht jedes Kind besitzt ein eigenes Handy. Das Jugendcafé JB’S hilft aus und stellt eine begrenzte Anzahl an Geräten zur Verfügung.
Die Idee für den Community Day stammt von Meyer selbst. Er spielt Pokémon Go seit zehn Jahren. Angefangen hat alles zufällig auf dem Weg zur Arbeit im Zug. „Ich habe es nie gelöscht“, sagt er schmunzelnd. Für ihn überwiegen die positiven Aspekte: „Man bewegt sich draußen und kann sogar überall auf der Welt spielen. Man kann zum Beispiel sogenannte Postkarten aus Madrid versenden und sich so weltweit vernetzen.“
Genau dieses Vernetzen ist auch eines der Ziele der Jugendarbeit. Kinder und Jugendliche sollen miteinander in Kontakt kommen. „Es gab mal einen größeren internationalen Hype, den möchten wir gern wieder anstoßen“, erklärt Meyer. An diesem Tag sind sechs Jungen und ein Mädchen ins Jugendcafé gekommen, um gemeinsam auf Pokémon-Jagd zu gehen. Das Angebot richtet sich an Kinder ab acht Jahre, ist aber nach oben offen. „Ich habe sogar gedacht, dass auch Eltern mitkommen“, sagt Meyer, und tatsächlich schließt sich später ein Vater der Gruppe an.
Spielt das Event eine besondere Rolle für Begegnungen? Meyer ist überzeugt davon. Er beobachtet, dass Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, miteinander ins Gespräch kommen. „Wenn man will, öffnet das Türen“, sagt er. Ein Eindruck, der sich im weiteren Verlauf des Tages bestätigt. Denn Pokémon Go ist ein Spiel, das verbindet. Nicht zuletzt, weil man bestimmte Herausforderungen allein gar nicht schaffen kann. Dafür braucht es drei oder vier Mitspieler. Mit dabei ist auch Erik, zehn Jahre alt, der seit zwei Jahren Pokémon Go spielt. „Ich gehe lieber raus, während viele eher drinnen vor dem Fernseher sitzen“, sagt er. Sein Lieblings-Pokémon nennt er ohne Zögern: „Apzoll“. Beim nächsten Event will er unbedingt wieder dabei sein. Etwas ändern würde er nicht: „Nein, es ist alles gut so, wie es ist.“
Mia, ebenfalls zehn Jahre alt, ist an diesem Tag das einzige Mädchen in der Gruppe. Sie spielt erst seit Kurzem, wie sie lachend erzählt. Sie wirkt dabei aber bereits erstaunlich sicher bei der Pokémon-Jagd und präsentiert stolz ihre bisherigen Fänge. Auf das Event aufmerksam geworden ist sie durch ihren Bruder Finn. Ihr Lieblings-Pokémon: „Pikachu“.
Gemeinsam zieht die Gruppe um Tim-Christoph Meyer durch die Barsinghäuser Innenstadt. Immer wieder erinnert Meyer daran, den Verkehr im Blick zu behalten. Denn wenn Pokémons auftauchen, sind die Kinder schnell in ihrer ganz eigenen Welt.
Passanten schauen interessiert zu, dann passiert es auf dem zentralen Platz vor der Rossmann-Filiale: Die Gruppe trifft auf Gleichgesinnte. Ein Pärchen mittleren Alters steht dort und schaut ebenfalls gebannt auf das Handy. „Jagt ihr auch Pokémons?“, ruft Meyer ihnen zu. „Ja“, antworten die beiden lächelnd. Sofort kommt man miteinander ins Gespräch, und der Beweis ist erbracht: Pokémon Go verbindet Generationen. Wenig später schließen sich auch noch zwei Jugendliche spontan der Gruppe an.
Zwischendurch ruft Meyer: „Wie ist es mit der Kälte?“ Die spielt offenbar keine Rolle. „Attacke!“, rufen stattdessen einige Kinder und laufen schon weiter zu den nächsten Pokémons.
Doch die Begeisterung wird unsanft gebremst. Die Kälte setzt den Smartphones zu. Akkus machen hier und da schlapp. „Jetzt ist das Handy ausgegangen“, ruft Mia entsetzt. „Okay, das ist ein Zeichen“, sagt Meyer. „Wir treten jetzt den Rückzug an und laden die Handys auf.“
Zurück im Jugendcafé JB’S wird weitergespielt. Für zukünftige Community Days wünscht sich Meyer eine größere Resonanz, bleibt aber optimistisch: „Im Sommer macht Pokémon noch mehr Spaß.“ Denkbar seien auch andere Formen von Schnitzeljagd wie etwa „Scotland Yard“ oder Geocaching. Auch eine Skate by Night ist bereits geplant, bei der der gesamte Skatepark ausgeleuchtet werden soll.
Am Ende dieses Tages bleibt vor allem ein Eindruck: Pokémon Go ist ein Spiel, das Menschen zusammenbringt – draußen, über Generationen hinweg. Und das manchmal auch der Kälte trotzt.