Die junge Frau, die inzwischen auch ihren Meisterbrief in der Tasche hat, bestätigt, dass die Berufsbranche immer noch eine Männerdomäne ist: „Durchschnittlich sind in einem Ausbildungsjahrgang nur 10 bis 15 Prozent Frauen.“ In der Meisterschule sei sie in ihrer Gruppe unter 23 Teilnehmenden eine von nur drei Gesellinnen gewesen. „Und ja“, sagt die 27-Jährige: Sie stoße im beruflichen Alltag auch hin und wieder auf Vorurteile. Ihr unangenehmstes Erlebnis: „Als ich für eine Feuerstättenschau eine Heizungsanlage geöffnet habe, fragte mich eine Kundin, ob ich überhaupt wüsste, was ich tue“, berichtet Pärschke.
An ihrer fachlichen Kompetenz zweifelt inzwischen kaum noch jemand. Hin und wieder erlebt Pärschke aber sichtlich überraschte Kundschaft. Sie ist als angehende Meisterin oft mit einer Auszubildenden unterwegs. Beide sind Mitarbeiterinnen des Bezirksschornsteinfegers Manfred Cordes in Leveste. „Es gibt manchmal etwas ungläubige Blicke, wenn zum Termin des Schornsteinfegers zwei Frauen kommen“, erzählt Pärschke amüsiert. Ihr Chef Cordes wiederum berichtet: „Wenn ich selbst zu einem Termin gehe, werde ich oft gefragt, wo denn die beiden Mädels seien“, sagt der Schornsteinfegermeister.
Sein Betrieb ist in einem Kehrbezirk für Haushalte und Firmen in Egestorf, Wennigsen, Wennigser Mark, Argestorf und Bredenbeck zuständig. Zu den Aufgaben zählen die Ermittlung zur Einhaltung der Ausstoßwerte von Heizgeräten und Warmwasseraufbereitungsanlagen sowie die Betriebs- und Brandsicherheit aller Feuerstätten. „Ich bin auch Energieberaterin“, ergänzt die angehende Schornsteinfegermeisterin. Die Meisterprüfungen habe sie bislang alle bestanden. „Nur das Ergebnis der Buchführungsprüfung ist noch offen“, sagt die 27-Jährige.
Pärschke wohnt in Hannover und ist in Misburg aufgewachsen. In ihrer Kindheit und Jugend habe sie „normale Mädchenhobbys“ gehabt: „Ich war im Schwimmverein, in der Jugendfeuerwehr und habe Cheerleading gemacht“, erzählt sie. Nach dem Fachabitur leistete sie ab 2017 „zur beruflichen Orientierung“ ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) in der Ökostation Deister-Vorland in Großgoltern. „Danach habe ich eine Ausbildung zur Tierarzthelferin in Ronnenberg begonnen“, berichtet Pärschke. Nach einem halben Jahr habe sie die Lehre aber abgebrochen. „Ich war unglücklich, weil man jeden Tag in der Praxis sitzt und nicht rauskommt“, sagt die Hannoveranerin. Pärschke kündigte und konnte gleich wieder bei der Ökostation anfangen – jetzt als Festangestellte. „Aber ich hatte immer noch keinen Beruf gelernt, deshalb wollte ich erst Sozialpädagogik studieren“, sagt sie. Ein Zufall ebnete den Weg zum einstigen Kindheitstraum: Pärschke ist aktives Mitglied und Jugendwartin einer Freiwilligen Feuerwehr in Hannover: Dort berichtete jemand von einer freien Praktikumsstelle bei einem Bezirksschornsteinfeger aus Northen mit Kehrbezirk in Hannover. Pärschke ergriff die Chance, sich ihren einstigen Berufswunsch zu erfüllen. Ein weiterer Zufall: Wegen personeller Engpässe in ihrem Praktikumsbetrieb konnte sie nach zwei Tagen das zweiwöchige Praktikum bei Cordes in Leveste fortsetzen.
Jetzt passte alles zusammen: „Wir hatten einen Ausbildungsplatz und sie hat sich beworben“, erzählt der Schornsteinfegermeister. Pärschke habe wegen ihrer guten Noten die Lehrzeit sogar auf zwei Jahre verkürzen dürfen. Nach dem erfolgreichen Abschluss arbeitete Pärschke zwar zunächst für ein Jahr bei einem Schornsteinfeger in Seelze. „Weil ich nur eine Gesellenstelle hatte“, sagt Cordes. Im Mai 2022 hatte er wieder eine freie Stelle für Pärschke und holte sie zurück. Weil Cordes zur Unterstützung seiner „hoheitlichen Aufgaben im Kehrbezirk“ auch eine Fachkraft mit Meisterbrief benötigte, meldete er Pärschke – etwas früher als von ihr geplant – zur Meisterschule an. „Wenn es gut läuft, hat sie bald den Meisterbrief in der Hand“, sagt er.
Pärschke hat auch als weibliche Fachkraft keine großen Berührungsängste. Bis heute gelten Schornsteinfeger in ihrer Traditionskleidung als Glücksbringer. „Ich werde oft gefragt, ob man mich kurz berühren darf“, erzählt sie. Ein kurzer Kontakt sei auch „okay“. Nur der Brauch, kurz an den Kleidungsknöpfen zu drehen, gehe ihr etwas zu weit. Auch gelegentliche Einladungen zu einem Rendezvous lehnt die ledige Frau im beruflichen Alltag kategorisch ab. „Ich bin schon vergeben“, stellt sie dann lächelnd klar.